Martha Schmidt war eine bescheidene Frau, aber in ihrem Herzen sozial eingestellt und willensstark. 1981 ist sie gestorben, doch die Erinnerung an sie ist vor allem in den Himmelkroner Heimen des Diakoniewerks Neuendettelsau wach - unter dem Begriff Euthanasie: Im Dritten Reich sollten nämlich Bewohner in eine Tötungsanstalt verlegt werden. Als Martha Schmidt zufällig vorbei-kam, als Männer und Frauen gezwungen wurden, in einen der berüchtigten grauen Busse zu steigen, hat sie alten Schilderungen zufolge eine junge Heimbewohnerin an der Hand genommen. Sie gab vor, es sei ihre Tochter. Sie hat das Mädchen mit nach Hause genommen, so lange Gefahr bestand - und hat dadurch ein Leben gerettet.

Martha Schmidts älteste Tochter Marga Strömsdörfer lebt noch. Die 85-Jährige ist eine der wenigen Zeugen der damaligen Zeit und erinnert sich an den Tag noch genau: "Es hat bei uns nur am Samstag Brötchen gegeben.
Die Bäckerei war noch in den Heimen. Meine Mutter lief am Pfarrhaus vorbei und wunderte sich darüber, dass die Heimbewohner scheinbar einen Ausflug machen. Im Bus saßen bereits einige Kinder. Eine Diakonisse ging dann nochmals zurück und hatte ein kleines Mädchen an der Hand. Als meine Mutter genau in dem Moment dort vorbei lief, gab ihr die Frau zu verstehen, das sie mit dem Kind weitergehen soll."

Ihr Mutter, so Marga Ströms dörfer, habe im ersten Moment gar nicht gewusst, was da geschehen sollte. Dennoch habe sie das fünfjährige Kind mit nach Hause. "So war sie halt, meine Martha. Brot und Brötchen hat sie nicht mitgebracht, aber das kleine Mädchen."

Das couragierte Verhalten der Himmelkronerin hat den Kirchenvorstand auf den Plan gerufen. Waltraud Berner wandte sich in dessen Auftrag an den Gemeinderat mit der Bitte, eine Straße nach Martha Schmidt zu benennen: "Das sollte gewürdigt werden, so lange es noch Personen gibt, die Martha Schmidt gekannt haben."

"Wir müssen warten"

Das Gremium beschäftigte sich in seiner jüngsten Sitzung mit dem Antrag, doch eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen, auch wenn grundsätzliche Bereitschaft dazu signalisiert wurde. "Wir sind dafür, aber im Moment haben wir keine Straße zu benennen. Die Straßennamen im neuen Baugebiet wurden bereits vergeben, so dass wir einfach warten müssen, bis wieder eine Namensnennung ansteht", erläuterte Bürgermeister Gerhard Schneider (CSU).

Voller Stolz hatte Matthias Böhm (CSU) den Antrag gelesen, denn Martha Schmidt war seine Großmutter. Er wies aber auch auf seinen Urgroßvater Adam Schmidt hin, den Schwiegervater der Lebensretterin: "Er hat sich in den letzten Kriegsmonaten beim Vorrücken der Amerikaner ein Betttuch um den Bauch gewickelt und dann als weiße Fahne vom Kirchturm aus gezeigt. So wurde Himmelkron ohne Beschuss von den Panzern des Naziregimes befreit."

Mehrere Wochen war das Mädchen, das die Diakonisse an Martha Schmidt übergeben hatte, im Haus der Familie geblieben, bevor es von seinen Eltern abgeholt wurde. "Für uns war das behinderte Kind wie eine Schwester, wir haben auch mit ihr gespielt."

Schicksal ist ungewiss

Ob das Mädchen von damals heute noch lebt, weiß Marga Strömsdörfer nicht. Allerdings kann sie sich daran erinnern, dass es als Jugendliche mit 14 oder 15 Jahren nochmals in Himmelkron war. "Sie wollte unsere Mutter sehen. Die hätte sie damals, denke ich, am liebsten nicht mehr hergegeben."

Natürlich ist man in den Familien der Nachkommen von Martha Schmidt stolz, dass deren Zivilcourage mit einem Straßennamen gewürdigt werden soll. Doch Marga Strömsdörfer schränkt ein: "Unsere Mutter hätte das bestimmt nicht gewollt. Sie hätte wohl gesagt, ihr spinnt." Freilich weiß die 85-Jährige, dass sich ihre Mutter damals in große Gefahr begeben hat: "Man hätte sie ja auch mit in den Bus ziehen können, und wir wären zu Hause gewesen und hätten nicht gewusst, wo unsere Mutter ist. Es wäre so Vieles möglich gewesen."