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Kulmbach
Fußball

Mit Herzblut für den Nachwuchs

Jörg Dittwar. Der 150-fache Bundesligaspieler des 1. FC Nürnberg war neun Jahre Bundestrainer der Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung. Heute kümmert er sich um den fußballerischen Nachwuchs.
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Ex-Profi Jörg Dittwar bei einem Jugendtraining in Kulmbach im vergangenen Jahr an der Station "Zielschießen" Foto: Werner Reißaus
Ex-Profi Jörg Dittwar bei einem Jugendtraining in Kulmbach im vergangenen Jahr an der Station "Zielschießen" Foto: Werner Reißaus
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DietersdorfWände streichen, den Keller ausmisten und den Garten fit für den Frühling machen. "Jetzt findet man dafür endlich mal Zeit", sagt Jörg Dittwar und lacht. Die Corona-Pandemie zwingt den 150-fachen Bundesligaspieler, der mittlerweile in Dietersdorf (Landkreis Coburg) wohnt, sich den eigenen vier Wänden und nicht dem kickenden Nachwuchs zu widmen. Der 56-Jährige ist als Sportlicher Leiter für die Jugendmannschaften der SG Ebersdorf/Großgarnstadt/Frohnlach zuständig. Zudem engagiert sich Dittwar bei seinem früheren Verein, dem 1. FC Nürnberg. Mit Herbert Harrer ist Dittwar seit April 2017 für das Inklusions-Schulprojekt des FCN verantwortlich und hält ein Mal pro Woche eine Einheit mit den Werkstätten am Sportpark Valznerweiher, bei der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball spielen.

Sich für Menschen mit Handicap einzusetzen, ist für Dittwar eine Herzensangelegenheit. Schon zu seinen Zeiten als Spieler beim "Club" (1987 bis 1994) half der gelernte Maler in Behinderten-Werkstätten mit. Von 2009 bis 2017 war er Bundestrainer der Fußballer mit intelektueller Beeinträchtigung (Nationalmannschaft ID). "Es macht großen Spaß, mit diesen Menschen zu arbeiten", sagt Dittwar. Als der Deutsche Behinderten-Sportverband (DBS) einen neuen Bundestrainer sucht, wird er auf die offene Stelle aufmerksam gemacht. "Die Stelle war ausgeschrieben und ich wurde angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, mich zu bewerben. Ich habe mich aber nicht beworben, um mich Bundestrainer nennen zu können." Dittwar, der bereits eine Fortbildung in der Behinderten-Betreuung gemacht hatte, setzte sich letztlich gegen vier Mitstreiter durch. Um in der Nationalmannschaft ID zu spielen, muss ein IQ unter 75 festgestellt werden. Weil die Tests weltweit nicht einheitlich sind, herrsche in den Nationalmannschaften ein großes Leistungsgefälle. "Für die Niederlanden spielen Spieler, die in Deutschland Bayern- und Regionalliga spielen könnten", sagt Dittwar. Für Deutschland würden hingegen Spieler auflaufen, die Kreisklassen-Niveau haben. "Es ist, als würden 18-Jährige gegen Zehnjährige spielen."

Neue Strukturen aufgebaut

Als Dittwar den Posten übernahm, habe er komplett neue Strukturen aufbauen müssen - und eine neue Mannschaft. "Es gab Spieler, die haben beim Test geschummelt, um bei uns mitspielen zu können. Das haben wir aber nicht durchgehen lassen." Mit der Nationalmannschaft ID nahm Dittwar an zwei Weltmeisterschaften (2010 in Südafrika, 2014 in Brasilien) und zwei Europameisterschaften (2012 in Schweden, 2016 in Frankreich) teil.

Das große Ziel, einmal in ein Halbfinale zu kommen, wird nicht erreicht. Die Konkurrenz ist zu groß. Mit den Auftritten seiner Mannschaft war Dittwar aber zufrieden. Was die Organisation angeht, seien diese Turniere nicht mit Groß-Ereignissen vergleichbar. "Die Nationalmannschaft hat 20 oder 30 Betreuer. Wir waren vier oder fünf, obwohl die Jungs viel mehr Betreuer bräuchten", sagt Dittwar. In der Trainingsarbeit hat der aus Stadtsteinach stammende Dittwar vor allem einen großen Unterschied festgestellt: "Die Jungs mit Handicap wollen, können aber nicht. Die Jungs ohne Handicap können, wollen aber nicht immer." Obwohl Dittwar Spaß am Bundestrainer-Job hatte, trat er 2017 von seinem Amt zurück.

"Ich habe die Unterstützung vermisst und im Verband arbeiten Leute, die nicht mit Herzblut dabei sind." Lange beschäftigungslos blieb der 56-Jährige aber nicht, es folgte die ehrenamtliche Inklusions-Aufgabe beim FCN. Zudem war Dittwar nach seinem frühen Karriereende 1994 in Fußballschulen tätig und für einige Vereine in Oberfranken - unter anderem für seinen Heimatklub TSV Stadtsteinach - als Spielertrainer oder Trainer verantwortlich. Mit dem FC Burgkunstadt stieg Dittwar in die Bezirksliga auf, ehe 2008 endgültig Schluss war.

"Ich musste meine Profi-Karriere verletzungsbedingt früh beenden. Als ich wieder spielen konnte, dachte ich mir, dass es das noch nicht gewesen sein konnte", erklärt Dittwar, warum er Jahre nach seiner Bundesliga-Laufbahn im Amateurfußball wieder gegen den Ball trat. Mit 31 Jahren musste Dittwar nach einem Knorpelschaden im Knie seine Profi-Karriere beenden. Er ist sich sicher: "Ich hätte noch ein paar gute Jahre vor mir gehabt."

Kein Kontakt zu Beckenbauer

Denn Dittwar zählte seit seinem Wechsel 1987 von Bayreuth nach Nürnberg zu den stärksten Manndeckern der Liga - und galt als sicherer Elfmeterschütze. Vor der Weltmeisterschaft 1990, die Deutschland gewann, stand er gar vor einer Nominierung für die DFB-Elf. "Einige Zeitungen haben geschrieben, dass ich ein Mann für Deutschland wäre", sagt Dittwar, "aber ich hatte nie Kontakt zum damaligen Teamchef Franz Beckenbauer".

Weil sich Dittwar vor der WM in Italien verletzte, erübrigte sich das Thema Nationalmannschaft von selbst. Ein Länderspiel machte er nie. Damit hadert Jörg Dittwar aber nicht. "Ich bin stolz, in dieser Zeit Profi gewesen zu sein. Denn damals gab es auf einer Position fünf Granaten und es war viel schwerer, in die Nationalmannschaft zu kommen", sagt Dittwar. Möglicherweise hätte ein Vereinswechsel die Chancen auf die DFB-Elf erhöht, doch Dittwar hielt dem "Club" trotz einiger Angebote die Treue. "Ich hätte woanders, auch im Ausland, mehr Geld verdienen können. Aber ich wollte immer für den Club spielen."

Sein ehemaliger Trainer und Mentor, Hermann Gerland, legte dem FC Bayern München eine Verpflichtung Dittwars ans Herz. Doch Beckenbauer, der mittlerweile den FCB trainierte, entschied sich für Oliver Kreuzer. Ob er wirklich vom Club zu den Bayern gewechselt wäre? "Ich bin froh, dass ich mir diese Frage nie stellen musste", sagt Dittwar und lacht.

Dem fränkischen Traditionsverein blieb er auch nach der Karriere verbunden. Als Jugendtrainer, Verantwortlicher für das Werkstätten-Angebot und als Experte für das Fanradio.