Der wohl weitgereiste fränkische Läufer kommt aus Ludwigschorgast. Über 140 Marathons, Ultra- oder Extremläufe auf allen fünf Kontinenten der Erde stehen in seiner Vita, dabei ist er durch acht Wüsten gerannt. Schätzungsweise 73 000 Kilometer in 37 Jahren stehen auf seinem sportlichen Lauf-Tacho. Am Dienstag, 5. Januar, wird Michael Kraus 60 Jahre alt. Ein Anlass, mit dem Ultraläufer auf seine außergewöhnliche Karriere zurückzublicken.

Herzlichen Glückwunsch, Michael Kraus! Gönnen Sie sich zum 60. Geburtstag heute ein besonderes Läufchen?

Ja klar, seit ich laufe, pflege ich es, an meinem Geburtstag die Laufschuhe zu schnüren.

1983 war ein einschneidendes Jahr in Ihrem Leben. Da haben Sie mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufen angefangen. Was war ihr Antrieb, plötzlich gesund leben zu wollen?

Bei den gemeinsamen Bergtouren mit den Kameraden der Kulmbacher Bergwacht und des Alpenvereins, damals war ich noch Anfang 20, haben mich die "älteren Herren" - die waren doppelt so alt wie ich - bei den Aufstiegen zu den Berghütten immer abgehängt. Das hat mich gewurmt, deshalb habe ich auch das Laufen angefangen und das Rauchen reduziert. Ich wollte einfach fitter werden.

Wie geht es Ihnen heute nach tausenden gelaufenen Kilometern?

Im April 2018 wurde mir ein Herzschrittmacher implantiert, weil mein Herzschlag zu langsam war. Das hat aber nichts mit dem jahrelangen Extremsport zu tun. Ich komme mit dem Herzschrittmacher ganz gut klar, was sich auch bei meinem 200-Kilometer-Lauf 2019 in Namibia zeigte. Schnelle Tempoläufe sind jetzt deswegen allerdings nicht mehr möglich. Mein Ziel war, mit 60 Jahren die zehn Kilometer noch unter 50 Minuten laufen zu können. Da bin ich aktuell mit 47:30 Minuten ganz zufrieden.

Sie haben beide Drogen ausprobiert - Nikotin und Laufen. Welche von beiden macht mehr süchtig?

Die Laufdroge, sie ist auch definitiv gesünder, wenn man sie richtig dosiert.

Und haben Sie sie immer die richtige Dosis gefunden?

Es ist ein echt gutes Gefühl, wenn man hin und wieder mal etwas mehr erwischt. Für den Hippie ist es der Rausch, für den Buddhisten die Erleuchtung und der Läufer nimmt alle zwei und nennt es Runners High.

Sie haben sich 1983 auch vom Mannschafts(Fußball)-Sport verabschiedet - aber wenig später, 1987, einen Verein, die LG Ludwigschorgast, gegründet. Die Geselligkeit wollten Sie wohl nicht missen - oder was war der Antrieb zur Vereinsgründung?

Wir waren damals ein "wilder Haufen" und haben uns regelmäßig zum Laufen getroffen. Einige hatten Ambitionen, auch an Meisterschaften teilzunehmen. Dazu brauchte man aber einen Startpass, der nur über einen Verein, der Mitglied beim Bayerischen Landes-Sportverband ist und eine Leichtathletikabteilung beim Bayerischen Leichtathletik-Verband anmeldet, beantragt werden kann. Zunächst haben wir uns als Unterabteilung dem FC Ludwigschorgast angeschlossen und im Jahre 1997 die Selbstständigkeit angestrebt.

Was war der größte Erfolg der LG Ludwigschorgast?

Das war der Bayerische Mannschafts-Meistertitel im 100-Killometer-Straßenlauf 1995. Man muss erst mal mindestens drei Athleten finden, die jeweils 100 Kilometer am Stück laufen. Das war schon eine besondere Mannschaftsleistung.

Sie sind nun seit der Gründung am 13. November 1987 Vorsitzender der Laufgemeinschaft Ludwigschorgast - und immer noch nicht amtsmüde?

Nein, mir macht es nach wie vor unheimlich viel Spaß, mit einem engagierten Team gemeinsame Projekte zu planen und zu realisieren. Zum Beispiel das "Lauf 10!"-Projekt, mit dem wir heuer unter den erschwerten Coronabedingungen 43 Laufneulingen eine große Freude bereitet haben. Die Teilnehmer haben teilweise mit Freudentränen in den Augen die Urkunden nach dem Abschlusslauf entgegengenommen. Das war auch ein sehr schöner Moment für das gesamte Trainerteam.

Sie haben mit dem Frankenwaldlauf, ehemals Saunalauf, einen der landschaftlich schönsten Volksläufe der Region ins Leben gerufen. Inzwischen strömen aber die Ausdauersportler in Massen zu den Hindernisläufen wie Spartan Race. Ist es der heutigen Generation etwa zu langweilig, nur zu laufen?

Das ist der Trend der Zeit, etwas zu machen, was sich abhebt vom Gewöhnlichen. Das Laufen gibt es aber schon seit der Antike. Der griechische Bote Pheidippides ist von Athen nach Sparta gelaufen, deshalb gibt es auch den Spartathlon. Das ist eine reine Ultralaufveranstaltung und hat nichts mit dem Spartan Race gemeinsam.

Muss man sich also um die Zukunft der klassischen Volksläufe Sorgen machen?

Das liegt nicht nur an den rückläufigen Teilnehmerzahlen, sondern meiner Meinung nach auch an den teils übertriebenen Auflagen der Behörden.

Früher gab es im Laufsport mehr Qualität als Quantität -heutzutage ist es umgekehrt. Obwohl das Laufen inzwischen eine Massenbewegung ist, werden Spitzenleistungen weniger. Warum will sich heutzutage kaum mehr einer quälen? ´

Ich glaube, den meisten Ausdaudersportlern geht es in erster Linie um die allgemeine Fitness. Sie sind weniger ambitioniert, schnelle Laufzeiten zu erzielen. Das zeigt sich auch in den mittleren Marathon-Zeiten, die heute bei den Männern unter vier Stunden (früher 3:30 Stunden) und bei den Frauen unter 4:30 Stunden (früher vier Stunden) liegen. Beispiel Berlin-Marathon 1986. Da sind fünf Läufer aus der Kulmbacher Region unter 2:50 Stunden gelaufen: Reinhard Häntschel (2:42), Harald Scheibe und ich (je 2:47), Stephan Deichsel (2:48) und Volker Scheibe (2:49). Wie viele Jahre ist es schon her, dass überhaupt ein Kulmbacher unter der Drei-Stunden-Grenze ins Ziel gekommen ist?

Über den Marathon sind Sie zum Ultraläufer mutiert. Bei welchen Läufen hatten Sie die größten Grenzerfahrungen? Sei es Körperlich oder mental.

Das war beim Spartathlon 1996 von Athen nach Sparta, das ist das härteste Non-Stop-Ultrarennen weltweit, bei dem 246 Kilometer am Stück innerhalb von 36 Stunden bewältigt werden müssen. Das sind räumliche und zeitliche Dimensionen, die man mental nicht fassen kann. Mir war es vergönnt, als erster Oberfranke dieses Ultrarennen in 32:40 Stunden auf Gesamtrang 18 zu beenden. Zwei Drittel der 170 Teilnehmer hatten das Ziel nicht erreicht. Natürlich werden auch im Himalaja und in den Anden, wo auf großen Höhen über 4500 Meter gelaufen wurde, oder in den Wüsten bei extremer Hitze von über 50 Grad Celsius knallharte Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit gestellt. Wer mental schwach ist, hat da absolut keine Chance. Die Nacht im Zelt bei minus zwölf Grad Celsius und Schneesturm auf 4000 Metern Höhe im Himalaja waren auch kein Spaß mehr. Reine Kopfsache war das Moravien-Abenteuer (2. Platz Gesamtklassement) 1999 in Tschechien, wo sieben Marathons in sieben aufeinanderfolgenden Tagen absolviert werden mussten.

Sie sind auf allen fünf Kontinenten gelaufen. Wo war es am schönsten?

Jeder Kontinent und jedes Rennen hatte seinen Reiz. Der Himalaja-Ultramarathon in Nepal (155 km), der Supermarathon Cordillera Blanca in den peruanischen Anden (170 km), durch die Wüste Gobi (286 km), in Myanmar (190 km), Kambodscha (180 km), durch die Wüste Sinai (168 km), die Inseldurchquerung auf La Réunion (125 km), die Alpenüberquerung (310 km), der Transnamibia-Lauf (200 km) ...

Bei den großen Ultraläufen war Ihnen das Naturerlebnis wichtiger als der sportliche Erfolg, haben Sie stets betont. Gibt es trotzdem einen Erfolg, auf den Sie besonders stolz sind?

Das war im Jahr 2007 beim Zehn-Tages-Etappenrennen über 216,5 Kilometer in Rajasthan (Indien). Mein Frau Silvia war auch mit dabei, es war sozusagen unsere sportliche Silberhochzeitsreise. Bis zur vierten Etappe war ich Gesamtführender, dann habe ich mich in der Wüste Thar verlaufen und über 17 Minuten Zeit verloren. Mich packte der Ehrgeiz, und mir gelang es doch noch, den Zeitverlust wettzumachen. Nach der achten Etappe habe ich die Führung wieder übernommen und nicht mehr abgegeben.

Und was war Ihre größte sportliche Enttäuschung?

Sofern man überhaupt von sportlicher Enttäuschung reden kann, war es beim Silvretta-Lauf in Österreich, wo ich mir nach einem Sturz im Hochgebirge eine blutende Schädelplatzwunde zugezogen habe und aus Vorsichtsmaßnahmen den Lauf abgebrochen habe. Es war in meiner Laufkarriere bisher das einzige Rennen, wo ich die Ziellinie nicht erreicht habe.

Gibt es sportliche Abenteuer, die Sie unbedingt noch erleben wollen?

Solange es geht, werde ich laufend unterwegs sein, bin aber auch genauso gerne mit dem Rad unterwegs. Mein Freund Serge Morel aus Frankreich, der weltweit Abenteuerläufe veranstaltet, wird heuer im September sein letztes Laufabenteuer auf Sizilien organisieren. Da möchte ich unbedingt dabei sein.

Die Fragen stellte

Christian Schuberth