Es muss nicht immer neu sein, und wenn doch, dann sollte man auf Qualität achten. Nachhaltigkeit wird immer wichtiger und macht auch vor unserer Bekleidung nicht halt. Doch wie sieht es damit in der Bierstadt aus? "Immer besser", findet Tanja Schneider von der Schneiderei Högen in der Webergasse. "Wir beobachten, dass die Wertigkeit der Kleidung, die die Kunden kaufen, höher wird, da lässt man auch gerne mal etwas reparieren."

Tanja Schneider hat das Gefühl, dass ihre Kunden informierter sind, Kritik an der Billigproduktion rücke immer mehr ins Bewusstsein. "Die Menschen haben wieder mehr Lust auf Qualität." Da seien sie natürlich in ihrer Schneiderei gut aufgehoben.

Gute Anzüge trägt man länger

Kürzer, enger, weiter oder reparieren - neben diesem Kerngeschäft fertigen die neun Schneiderinnen und Schneider, darunter zwei Azubis, auch Maßanzüge nach Wunsch. "Individuelle Wünsche, mit Schnickschnack oder ohne, viele sind bereit, fürs Individuelle Geld auszugeben." Dabei hätten die Kunden die Wahl zwischen Vollmaß und Maßkonfektion, das heißt Schlupfteile, aus denen man auswählt, und die nach Maß angepasst werden.

"Ein solcher Anzug ist an sich sehr nachhaltig", erklärt Nico Schneider, der nicht nur Schneider heißt, sondern seinen Beruf mit großer Begeisterung ausübt. "Einen solchen Anzug kann ich über zehn Jahre tragen." Die Stoffe für die feinen Herrenanzüge bezieht er direkt aus England, gewebt werden sie in Schottland. "Die Wolle stammt von glücklichen Schafen, und die Stoffe werden mit 90 Prozent weniger Wasser produziert."

‚Eco-Traveller' heißt die Marke, die auch noch ohne Kinderarbeit hergestellt wird. Sogar einen echten, handgewebten Tweedstoff mit Siegel kann man in der Schneiderei Högen bestellen. "Maßkleidung ist teurer, aber jeden Cent wert", findet Nico Schneider. Etwa 100 Stunden Arbeit stecken in einem Anzug. "Ein solches Stück trägt man und repräsentiert es, man fühlt sich wohl darin und geht aufrechter."

Nico Schneider will das elterliche Unternehmen einmal übernehmen, will schicke Anzüge herstellen und sich mit den Engländern und Italienern messen. Da freut er sich, dass auch die Kundschaft immer jünger wird. "Man lernt in der Schule viel, aber oft nicht mehr, wie man einen Knopf annäht", sagt Tanja Schneider. Dennoch würden viele junge Frauen auch Kindersachen selbst nähen, das sei aktuell ein Trend. "Es gibt auch immer wieder Männer, die selbst nähen", diese Kunden decken sich in der Schneiderei Högen mit Kurzwaren ein.

Das Einzugsgebiet wächst

Dass immer mehr junge Leute einen Sinn für Werthaltiges zeigen, kann auch Schustermeister Michael Täuber bestätigen. Seit 2014 betreibt er seine Schusterwerkstatt in der Spitalgasse "und seitdem ist es immer mehr geworden." Früher seien sie zu zweit gewesen, jetzt stehen sie zu dritt in der Werkstatt, auch einen Lehrling haben sie schon ausgebildet. "Unser Einzugsgebiet wird größer und immer mehr jüngere Leute kaufen wertige Dinge." Da lohne sich die Reparatur. "Überhaupt zielt unser Beruf nur auf Nachhaltigkeit ab - was wir nicht reparieren, wäre weggeworfen worden", sagt Michael Täuber. Werthaltige Sachen und Lieblingssachen hielten sich dabei die Waage: "Wir reparieren auch minderwertige Sachen und führen Notreparaturen durch", erklärt der Schuster.

Und wer einen qualitativ hochwertigen Schuh erwerben will, kann sich einen handgenähten Schuh für um die 300 Euro anfertigen lassen. "Für viel Geld gibt es auf dem Markt auch wenig Qualität. Wir verkaufen handgemachte Lederschuhe, während es keine Schwierigkeit ist, für 250 Euro einen trendigen Schuh aus Stoff zu kaufen, der weniger Wertigkeit hat."

Früher hätten die Eltern die Kinder mit in die Schuhmacherei gebracht, sie seien so erzogen worden und hätten von klein auf gelernt, dass man Dinge reparieren kann. "Heute schalten die jungen Leute bei einem Problem ihr Handy an und finden heraus: Ich kann ja meine Lieblingshandtasche auch reparieren lassen!" Diese jungen Leute rufen dann bei Michael Täuber an und kämen auch später mit ihren Schuhen zur Reparatur. "Das Internet hilft uns als Schuster in diesem Fall."

Die Jungen legen Wert auf Qualität und haben ein stärkeres Umweltbewusstsein. Dieser Trend führt dazu, dass Michael Täuber nicht nur einen größeren Einzugsbereich hat, sondern Reparaturen inzwischen auch in Nachbarlandkreise verschickt. "Etwa ein Mal pro Woche habe ich eine Anfrage über das Internet." Sein aktuell skurrilster Reparaturauftrag? "Ein Sonnenschirm."

Lieber ändern oder aufpeppen

Eine Spur Extravaganz und großer Ideenreichtum kennzeichnen die Arbeiten von Evelyn Kaiser. "Es lohnt sich immer, die Umwelt zu schonen", sagt die Schneidermeisterin, die ihr Atelier im Unteren Stadtgässchen betreibt. Sie verarbeitet alles, was sich unter die Nähmaschine klemmen und miteinander versteppen lässt. Dabei entstehen schöne, bequeme, lustige oder auch künstlerische Kleidungsstücke und Accessoires aus unterschiedlichsten Materialien. Aus Fahrrad- und Lkw-Schläuchen fertigt sie Taschen und Geldbeutel, aus Gemüsenetzen Einkaufstaschen, aus Filzstoffen fantasievolle Einzelstücke. "Auch aus alten Klamotten kann man etwas Pfiffiges herstellen, wenn die Stoffe noch gut sind." Man müsse nicht immer neue Stoffe kaufen, Upcycling sei das Thema.

"Ich kaufe meine eigenen Kleidungsstücke inzwischen im Sozialkaufhaus und nähe sie um." Oft habe man auch Lieblingsstücke im Kleiderschrank, in die man vielleicht nicht mehr hinein passe, oder die nicht mehr ganz zeitgemäß seien. "Das meiste kann man ändern, ergänzen oder aufpeppen", sagt Evelyn Kaiser. "Wenn es keine wirtschaftliche Lösung gibt, kann man es immer noch ins soziale Kaufhaus bringen." Auch widerspenstige Flecken könne man kreativ verschwinden lassen.

Dass ihre Kundschaft sich verjüngt, kann sie bislang nicht feststellen, "es kommen auch immer wieder neue Kunden, aber vorwiegend mittleren Alters."

Hin und wieder bekommt Kaiser auch Stoffe geschenkt, die sie dann gerne weiter verschenkt. "Hauptsache, es bleibt in Bewegung und kommt unter die Leute." Aus solchen gespendeten Stoffen hat sie in den letzten Wochen auch Masken genäht, "und Kunden haben mir viele Gummibänder in den Briefkasten gesteckt, als man hier auf dem Markt nichts mehr bekam."