Übergriffe in Jugendhilfeeinrichtungen kommen immer wieder einmal vor. Ein Vorfall vom 18. Februar 2020 im Landkreis Kulmbach sticht allerdings gleich aus mehreren Gründen heraus. Zum einen war er so heftig, dass eine 55-jährige Betreuerin dabei schwer verletzt wurde, zum anderen, weil zwei während des Vorfalls im Raum anwesenden Personen so gut wie nichts davon mitbekommen haben.

Die Frau hat nicht nur mit den immensen medizinischen und psychischen Folgen zu kämpfen, sondern muss sich auch noch mit ihrem Arbeitgeber herumschlagen. Schuld sein soll ein heute 21-jähriger Bewohner der Einrichtung, der sich deshalb vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss.

Betreuerin im Jahr 2020 angegriffen: Noch immer in Spezialklinik in Behandlung

Für ihre Zeugenaussage war die Betreuerin extra aus einer oberbayerischen Spezialklinik angereist, wo sie sich noch immer wegen des Vorfalls in Behandlung befindet. Laut Anklage soll sie der 21-Jährige mit beiden Händen von hinten so schwer gewürgt haben, dass die Frau unter anderem einen Bruch des Zungenbeins, massive Einblutungen in den Stimmbändern und schwere Verletzungen des Kehlkopfes davon trug.

Das sind "nur" die körperlichen Folgen. Aktuell befindet sie sich in stationärer Trauma-Therapie. Sie ist seit dem Vorfall, also seit rund eineinhalb Jahren, krankgeschrieben und leidet noch immer massiv unter den Folgen der Tat, was für sämtliche Prozessbeteiligte während ihrer Zeugenaussage nicht zu übersehen war.

Der Angeklagte blieb aber trotzdem dabei, nichts gemacht zu haben. Vor allem habe er die Frau zu keinem Zeitpunkt gewürgt. Er habe höchstens den Arm um sie gelegt und sie aufgefordert, ihre provokante Art zu lassen. Unumstritten ist allerdings, dass der Angeklagte die Frau zuvor mit einem Feuerzeug einschüchtern wollte, auch von anzüglichem Verhalten war die Rede. Während der Verhandlung stellte sich auch heraus, dass es wohl schon einmal einen Vorfall mit einem Betreuer gegeben hatte und dass der Angeklagte schon einmal wegen verschiedener Auffälligkeiten an einem Anti-Aggressionstraining teilnehmen musste.

Übergriff aus Rache?

Ob der Übergriff vielleicht auch die Rache dafür war, dass die Betreuerin rigoros gegen Drogen vorgegangen war und wohl etwas aufgedeckt hatte, konnte nicht geklärt werden.

Auch am Tattag habe er wieder versucht, sie zu umarmen. Als sie ihm dann auch noch eine Zigarette verweigert habe, sei er absolut aggressiv geworden. "Ich bin jetzt auf Aggressionslevel zwei", soll er lautstark getönt haben, ehe er mit seinem Feuerzeug eine Stichflamme erzeugte und damit nur "daumenbreit" vor dem Gesicht der Betreuerin herumfuchtelte. Schließlich sei er mit schnellen Schritten hinter die Frau und habe sie mit beiden Armen in den Würgegriff genommen. Ihre Gegenwehr habe er lediglich dazu zum Anlass genommen, noch fester zuzudrücken.

"Mir wurde schwarz vor Augen, ich hatte massive Todesangst", sagte die Frau unter Tränen im Gerichtssaal. Für Verwunderung sorgte, dass sie trotz allem die Nachtschicht noch durchzog, ehe sie am nächsten Tag zur Polizei ging.

Zwei Zeugen bekommen nichts mit

Für Verwunderung sorgte auch, dass ein Kollege von ihr und ein weiterer Bewohner gleichzeitig in dem Büroraum anwesend waren und beide den Ernst der Lage offensichtlich nicht erkannten. Der Bewohner berichtete von absolut provokantem und unangemessenem Verhalten des Angeklagten. Auch, dass er den Arm um den Hals der Betreuerin legte, habe er beobachtet, dass er dabei auch zudrückte, will der Zeuge aber nicht bemerkt haben.

Schwere Vorwürfe machte sich auch der Kollege. "Wenn ich bemerkt hätte, wie gefährlich das ist, hätte ich doch eingegriffen", sagte der Mann. Die beiden Tatzeugen hatten erst im Anschluss den Ernst der Lage erkannt, als die Frau auf der Toilette zu weinen begann.

Zu allem Überfluss muss sich die Frau nun auch noch mit ihrem Arbeitgeber herumschlagen, der, so ihre Aussage, die Verletzungen in Frage stellt und die Sache am liebsten gar nicht zur Anzeige gebracht hätte. Arbeitsrechtliche Konsequenzen seien ihr sogar schon angedroht worden, für den Fall, dass sie weiter über den Vorfall spreche. "Bis heute bin ich nicht einmal gefragt worden, wie es mir geht", sagte die Frau, die von einem immens gestörten Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten sprach. Die Verhandlung wird fortgesetzt.