Der 9. März 1933 in Kulmbach: ein Ganovenstück, ein Nachmittag im Tollhaus. Da kündigt einer inmitten der Diskussion über den Flutmulden-Bau an, in wenigen Augenblicken würden die "Kolonnen der Braunhemden" im Rathaus eintreffen, um die Hakenkreuzfahne zu hissen. Ein anderer erklärt, der jetzige Stadtrat entspräche nicht mehr dem Willen der Bevölkerung. Der 1. Bürgermeister Hans Hacker (parteilos) solle sich beurlauben lassen, der 2. Bürgermeister Hans Herold (SPD) ganz zurück zu treten.
Ein Knock out für den politischen Gegner. Nach der Offensive der NS-Spitzen Konrad Hain und Fritz Schuberth fallen die SPD-Stadträte in Schockstarre. Hans Hacker fügt sich seiner Entmachtung. Er werde den "Rest seines ihm zustehenden Urlaubs nehmen", so sagt er.

Als das angekündigte Rollkommando eingebrochen ist, der Coup gelungen scheint, stellt sich einer in die Quere, mit dem kein Mensch gerechnet hat: Stadtkommissar Oberamtmann Theodor Wüst. Mit körperlichem Einsatz widersetzt er sich der Beflaggung - doch nicht aus Oppositionsgeist, sondern wegen des Verstoßes gegen die Flaggen-Verordnung.
Nach der Stör-Aktion tritt Schuberth mit seinen Anhängern auf den Balkon des Rathauses. Vor den Hunderten mittlerweile auf dem Marktplatz Versammelten, Kampfverbänden und Neugierigen, verkündet er die Machtübernahme durch die "Nationale Front". Er selber übernehme kommissarisch das Bürgermeisteramt. Seine Stellvertreter seien Oskar Petschke und Konrad Hain (beide DNVP). Kurt Wittje werde die Polizeigewalt übertragen.
So ungeheuerlich der "Rathaussturm" (NS-Jargon) aus heutiger Sicht erscheint, so gänzlich unsensationell, quasi notwendig und selbstverständlich erscheint er vor 80 Jahren: Die lokale Presse, deutschnational und schamlos populistisch, bettet ihn in die Münchner Machtergreifung Franz Ritter von Epps vom gleichen Tag. "Eine ereignisreiche Stadtratssitzung", so harmlos-banal titelt die Bayerischen Rundschau am Tag danach. Daneben klotzig der "Aufruf" der neuen Machthaber und ihre ersten Anordnungen. In einer Nachbetrachtung am 11. März ist alles wieder im Lot: Der "Umschwung" habe sich "in aller Ruhe abgespielt".
Kulmbach ist nicht die einzige Stadt, in der die Nazis nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 ein Rathaus per Handstreich erobern. Aber die Kulmbacher preschen als Erste in Bayern vor. Selbst NS-Hochburgen wie Kronach, Coburg oder Bayreuth folgen frühestens einen Tag später. Die vorausgegangenen Wahlergebnisse bieten eine willkommene Rechtfertigung: Bei der Reichstagswahl vier Tage zuvor, die schon im Zeichen von Terror und Pressionen steht, erzielt die Kulmbacher NSDAP mit 51,5 Prozent (4103 Stimmen) die absolute Mehrheit. Die zweitplatzierte SPD erreicht nur 29,4 Prozent (2345 Stimmen).
Auch das Ergebnis der Gemeindewahl vom 8. Dezember 1929 kommt den Nazis zupass: Der parteilose 1. Bürgermeister Hans Hacker braucht stets die Unterstützung sämtlicher neun SPD-Stadträte und der zwei des bürgerlichen Lagers ("Kulmbachs Wohl"- DVP), um sich gegen die "Nationale Front" (neun Sitze) zu behaupten. Eine knappe, doch tragfähige Mehrheit.
Am 9. März geht´s aber nicht um Zahlen, noch weniger um Skrupel, sondern nur um Macht. Der von Hitler zum Reichskommissar in Bayern eingesetzte General von Epp verpasst den Kulmbacher Braunhemden weiße Westen: Am 11. März erklärt er ihre Selbsternennung für Rechtens. Sofort nach dem Rathaussturm fordert die Parteileitung die örtlichen Führer von SA und Stahlhelm auf, geeignete Kandidaten für eine "Notpolizei" vorzuschlagen. Nach einem Gesundheits-Check kommen 94 Mann auf die Liste, neben Mitgliedern der beiden Organisationen auch einige SS-Männer. Stadtkommissar Hoferer drückt ihnen blau-weiße Armbinden in die Hand. Zudem Ausweise, die "das Recht der Festnahme und des Waffengebrauchs" verbriefen. Hierfür händigt man ihnen Pistolen aus. Für einen Bereitschafts-Tag erhalten sie drei Mark Vergütung, was bis Mitte Mai mit 2230 Mark zu Buche schlägt. Eingesetzt werden sie als Ordner bei Parteiveranstaltungen, bei Hausdurchsuchungen und "Schutzhaft"-Maßnahmen. Doch auch als Hilfslehrer bei der Jugend-"Ertüchtigung".
Ihr erster Zugriff erfolgt schon am 10. März 1933: Nach einem Funkspruch aus München ziehen sie mitten in der Nacht los und nehmen die paar wenigen KPD-Funktionäre fest, die es in Kulmbach gibt, in "Schutzhaft". Der Auftakt des polizeistaatlichen Terrors. Die Wochen danach wird er noch viele treffen: Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Zeugen Jehovas, Juden. Darüber wird eigens zu berichten sein.