Früher hieß es im Leben von Dietmar Gaiser "Jetzt red i", dann, als er sein Buch verfasste, "Jetzt schreib i‘" und am Mittwochabend im Martin Luther-Haus "Jetzt erzähl i‘.
Leider stieß die Veranstaltung, trotz ihres prominenten und äußerst charmanten Plauderers auf geringe Resonanz. "Bittschön, setzens sich doch nach vorne, dann wird es viel heimeliger", bat der Gast mit niederbairisch gefärbter Sprache.
Der Aufforderung wurde gerne nachgekommen. Kein Wunder bei einer Person, die offen auf andere Menschen zugeht, die trotz ihrer Prominenz überhaupt nicht abgehoben wirkt. Gaiser, der von einem Interview-Training an der Kulmbacher Akademie kam, teilte seine Erfahrungen, die er mit dem Ruhestand gemacht hat und die er auch in seinem Buch thematisiert, mit den Zuhörern.

Der Wendepunkt

Temporeich berichtete er von seinem Leben als leidenschaftlicher
Journalist und sagte dann der Satz, der den Wendepunkt im Leben des einstigen Moderator skizzierte: "Und mit einem Mal bist du nicht mehr dabei". Gaiser gab offen zu: "Das habe ich als Schock erlebt."
Bernd Matthes vom Freundeskreis Tutzing konnte die Worte Gaisers nachvollziehen: "Beim Lesen ihres Buches fühlte ich mich ertappt. Mir ist es genauso ergangen." Die Schockstarre war bei beiden schnell überwunden. "Ich gab meinem Leben wieder eine Struktur", verriet Gaiser sein Rezept gegen den Rentnerblues und erntete Zustimmung von Matthes.
Der Terminkalender, in den er akribisch genau jeden Termin eingetrug, wurde für ihn quasi zum Helfer in der Not. Der Fernsehjournalist schilderte, wie durch freiberufliche Tätigkeiten für Verlage, Akademien und die Politik aus dem Ruhestand ein Unruhestand wurde.

Auf dem Jakobsweg

Der 71-jährige Vollblutjournalist pendelte bei seinen Erzählungen geschickt zwischen seinem früheren und jetzigen Leben hin und her. Wie der bekannte Entertainer Hape Kerkeling machte sich auch Gaiser auf den Jakobsweg. Nicht aus religiösen Gründen, wie er betonte. Für ihn hatte die Reise mehr meditativen Charakter: "Der Körper bekommt einen Rhythmus. Der Kopf wird frei und du kommst mitunter auf Gedanken, die du sonst nie hast."

Schock vor laufender Kamera

Selbstverständlich erzählte er auch heitere Anekdoten, aber auch Nachdenkliches aus jener Zeit, in der es noch hieß "Spot an" und Gaiser fast täglich im Rampenlicht stand. Der Redner erinnerte sich an eine ältere Frau, die plötzlich vor laufender Kamera sagte: "Ich werde von meinem Mann vergewaltigt." "Da läuft es einem kalt den Buckel herunter", erinnerte sich Gaiser. Reporter des Bayerischen Rundfunks hätten dann herausgefunden, dass die Vorwürfe stimmten und die Behörden auf die Anschuldigungen der Frau nicht reagiert hätten.