Im Prozess in Hof durften sie nicht reden. Sie hörten zu, wie tagelang über den Tod des Sohnes, Bruders, Freundes geredet wurde - und über die Schuld des Autofahrers, der ihnen das Liebste genommen hat.

Was ist ein Menschenleben wert?

Jetzt wollen die Hinterbliebenen reden. Über ihren Schmerz, über die Hauptverhandlung, über den Angeklagten, über das Urteil und über die Fragen, die sie sich ständig stellen: Was ist gerecht? Was ist eine gerechte Strafe? Was ist ein Menschenleben wert?

Das Unvorstellbare geschah am 6. Februar: Der 19-jährige Kulmbacher wurde abends in Selb, als er die Wittelsbacherstraße überquerte, von einem schwarzen Audi über den Haufen gefahren. Der Berufsschüler war mit Klassenkameraden unterwegs und starb noch an der Unfallstelle. Er hatte keine Chance. Denn der Todesfahrer kam auf der falschen Straßenseite angebrettert - mit mindestens 78 Stundenkilometern.

Der Angeklagte war zur Tatzeit Heranwachsender, noch nicht 21 Jahre alt. Wegen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Tötung wurde er zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Er bekam Bewährung und konnte den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Die ursprüngliche Mordanklage hielt nicht, auch für ein illegales Autorennen sah die Jugendkammer des Landgerichts Hof keine Beweise.

Empörung im Internet

In der Öffentlichkeit ist die Empörung über das Urteil groß. Zahlreiche Kommentare im Internet kritisieren die Entscheidung des Gerichts. "Dieses Urteil ist nicht nachvollziehbar", heißt es unter anderem. "Unfassbar, da ist ein junger Mann gestorben." Oder: "Die, die hier wirklich bestraft worden sind, sind die Hinterbliebenen mit diesem Witz-Urteil." Und: "Die Angehörigen haben lebenslänglich bekommen, er eine zweite Chance."

Solche Aussagen zeigen, dass das Jugendstrafrecht schwer zu verstehen ist. Ein Umstand, den die Jugendkammer kannte und der sie dazu bewog, grundsätzliche Ausführungen zum Thema Strafe zu machen. Deren Zweck sei Schuldausgleich, Prävention, Resozialisierung, beim Jugendstrafrecht aber vor allem: Erziehung. Der Erziehungsgedanke stehe im Mittelpunkt, um einen Angeklagten von weiteren Straftaten abzuhalten.

"Nach uns wird nicht gefragt"

Die Familie trat im Prozess als Nebenkläger auf. Es war nicht leicht, dem Todesfahrer gegenüberzusitzen: "Wir wussten, das wühlt uns auf." Trauer, Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit - all diese Gefühle kamen wieder hoch. "Aber es wird nicht gefragt, wie es uns geht."

Von der Hauptverhandlung hatte sich die Familie mehr erwartet. Man musste mitansehen, wie von der Anklage immer mehr wegbröckelt - zugunsten des Mannes, "der das Leben von zwei Familien zerstört hat".

Die Zukunftspläne, die der 19-Jährige und seine Freundin hatten - "alles ist plötzlich erledigt". Oder die Schulkameraden, die mitansehen mussten, wie der Freund durch die Luft geschleudert wurde und auf der Straße starb: "Die kriegen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, nach denen wird auch nicht gefragt."

Wie tickt der Angeklagte?

Reue und Schuldeinsicht nehmen die Angehörigen dem Angeklagten nicht ab: "Wir glauben nicht, dass es ihm leid tut." Die Entschuldigung, die er im Prozess vom Blatt ablas, halten sie für eine geschickte Inszenierung der Anwälte.

"Wir haben das Gefühl, dass es ihn nicht juckt, was er getan hat. Der ärgert sich mehr, dass sein Auto kaputt ist." Denn man habe im Zuge der Ermittlungen erfahren, wie er wirklich tickt: "Er hasst Frauen. Und er sagt: Jeder, der ein Auto mit weniger als 100 PS fährt, sei schwul." Als er und sein Beifahrer nach dem Unfall im Krankenhaus behandelt wurden, seien sie gut drauf gewesen. "Die haben Party gemacht. Dafür gibt es Zeugen."

Die Familie bezweifelt auch, dass die Anwendung des Jugendstrafrechts gerechtfertigt war. Denn die Jugendgerichtshilfe sei in der Verhandlung umgeschwenkt: "Anfangs hieß es, er sei physisch und psychisch als Erwachsener einzustufen." Es seien keine Reiferückstände festzustellen, er habe eine feste Arbeitsstelle und ein regelmäßiges Einkommen. "Nach Erwachsenenstrafrecht hätte er alle diese Vergünstigungen nicht bekommen."

Sachverständiger hat "total versagt"

"Total versagt" habe der Kfz-Sachverständige. Im Prozess sei um die Unfallgeschwindigkeit gefeilscht worden. Erst Tempo 100, dann 80 bis 90, schließlich seien 78 Stundenkilometer übriggeblieben. Eine schlüssige Erklärung habe der Gutachter nicht geliefert.

Vor dem Prozess hofften die Angehörigen, "dass er einigermaßen gerecht bestraft wird". Sie glaubten, dass der Raser ins Gefängnis muss. Hinterher waren sie maßlos enttäuscht. "Wir sind nicht rachsüchtig", aber das Urteil habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun. "Wir haben den Glauben an die Rechtsprechung verloren. Man kann in Deutschland jemand umbringen und kommt mit Bewährung davon. Ein Menschenleben ist nichts mehr wert." Eine abschreckende Wirkung habe so ein Urteil nicht.

BGH prüft das Urteil

Jetzt setzt die Familie ihre Hoffnungen auf den Bundesgerichtshof, der das Urteil auf Rechtsfehler überprüfen wird. Der Staatsanwalt hat bereits Revision eingelegt.

Wie Rechtsanwalt Frank Stübinger, Kulmbach, gestern mitteilte, gehen auch die Nebenkläger nach Karlsruhe. Staatsanwaltschaft und Familie sind davon überzeugt, dass dem tödlichen Unfall ein illegales Autorennen vorausging. Die Hinterbliebenen hoffen, "dass der BGH etwas findet und dass noch einmal neu verhandelt wird".