Für einen Vogelbeobachter wäre die Kompostieranlage bei Katschenreuth sicher ein kurzweiliger Ort. Selten sieht man so viele verschiedene Vogelarten auf engstem Raum: Bachstelzen, Buchfinken, Stare und andere kleine Vögel hüpfen über die Abfallberge. Sie suchen nach Insektenlarven oder Obstresten. Störche stochern mit ihren Schnäbeln auch nach Fleischabfällen. Rauchschwalben fangen Fliegen, Turmfalken jagen Mäuse. Auf der Anlage werden im Jahr etwa 2800 Tonnen Biomüll aus Stadt und Landkreis zu Kompost verarbeitet. Im Vergleich zu anderen Kommunen ist das wenig, aber genug, um einen neuen Lebensraum zu schaffen, einen menschgemachten. Die Dohlen, die etwa im Sommer von der Plassenburg zur Kompostieranlage ziehen, sind nicht problematisch.

Es gibt allerdings Vogelarten, die Probleme verursachen können. Die Rabenkrähe ist eine davon. Sie ist ein Allesfresser. Zusätzlich zu Samen und Früchten nimmt sie auch Aas, Eier oder kleine Tiere auf. Sie kann sich schnell an eine veränderte Kulturlandschaft anpassen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie äußerst lernfähig ist.

Jäger Harald Höhn, Betreuer des Niederwildreviers Melkendorf, berichtet, dass Krähen systematisch Hecken und Ufer nach Eiern und Jungvögeln durchsuchen. Während viele Wildtierarten in den vergangenen Jahren weniger wurden, konnten sich die Krähen behaupten. Höhn zufolge ist einer der Hauptgründe das üppige Nahrungsangebot auf der Kompostierung.

Die natürliche Sterblichkeit sei gering. Im Frühjahr verlassen die Brutpaare die Kompostierung und verteilen sich ins Umland. Dort setzen sie Hasen, Fasanen, Rebhühnern oder Singvögeln zu. "Der Druck für das Niederwild nimmt von Jahr zu Jahr zu", sagt Höhn. Man sehe immer weniger Jungtiere.

Nach Auskunft der Naturschutzbehörde am Landratsamt sind Rabenvögel besonders geschützt. Manche Arten unterliegen trotzdem dem Jagdrecht, neben Elstern und Eichelhäher auch die Rabenkrähe. Sie darf man vom 16. Juli bis 14. März erlegen - doch die schlauen Vögel zu erwischen ist nicht einfach.

"Krähen merken sich sogar das Auto des Jägers und suchen schon frühzeitig das Weite" , erklärt Clemens Ulbrich Kreisjagdberater und einer der Pächter des Melkendorfer Jagdreviers. Um Krähen zu überlisten, müssen sich Jäger einiges einfallen lassen. Eine Möglichkeit ist beispielsweise die Lockjagd, bei der die Vögel mit Hilfe einer Attrappe angelockt werden. Ulbrich zufolge ist diese Art der Bejagung sehr zeitaufwendig - der Jäger muss sich gut tarnen und frühzeitig verstecken. Die Bejagung helfe derzeit kaum, den Bestandszuwachs abzuschöpfen. Ulbrich zufolge ist eine flächendeckende Förderung für die Bejagung von Krähen notwendig.

Lebendfallen vorgeschlagen

In den vergangenen Jahren habe man auch versucht die Krähen mit Hilfe eines Falkners fernzuhalten. Doch auch die gelegentliche Präsenz von Greifvögeln hätte die Rabenkrähen nicht lange beeindruckt. Zu guter Letzt schlug Jäger Höhn den Einsatz einer Lebendfalle vor. Für einen solchen Fangkäfig, auch "Nordischer Krähenfang" genannt, bräuchte man eine Ausnahmegenehmigung der Jagdbehörde. Man könne ihn dauerhaft bei der Kompostierung installieren, so Höhn. Andere Vögel könne man wieder entlassen und den gefangenen Krähen gezielt den Garaus machen.

Davon halten die Vogelschützer nichts. Es sei nicht nachgewiesen, dass die Krähen einen so starken Einfluss auf die Wildtiere im Umland nehmen, wie von der Jägerschaft behauptet werde, sagt Erich Schiffelholz, Vorsitzender der Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Vor allem der Vorwurf, dass die Krähen auch das Braunkehlchen-Schutzprojekt des LBV gefährden, indem sie die Nester ausrauben, weist Projektmanagerin Janina Klug zurück. Auch was so manche Rückschläge beim Schutzprojekt für den Kiebitz betrifft, will LBV-Feldvogelexperte Frank Schneider, den Krähen nicht die Schuld geben. Und das Landratsamt teilt mit, dass es aktuell keinen Anlass für die Naturschutz- oder Jagdbehörde gebe, aktiv zu werden.

Jäger Harald Höhn, der seit etwa 20 Jahren Wildäcker, Randstreifen und andere Unterschlupfmöglichkeiten für Feldvögel anlegt, sieht seine Bemühungen gefährdet. Er betont: "Ich bin erschrocken über die Aussagen von LBV-Funktionären, die den Prädatorendruck durch Rabenvögel auf das Niederwild verharmlosen." Die einzige Möglichkeit, die man beim LBV sieht, um die Diskussion zu beenden, ist den Vögeln die menschgemachte Nahrungsquelle zu entziehen.

Das funktioniert aber nicht in Katschenreuth. Größere Kompostieranlagen, wie etwa die Eichhorn Transport- und Entsorgungs GmbH in Bamberg, führen die Kompostierung in einem geschlossenen Verfahren durch, bald auch der Kreis Bayreuth. Heiko Gunsenheimer aber sagt: "Ein Umbau unserer Anlage ist aufgrund der geringen Mengen an Biomüll nicht rentabel."