Die Prozedur hat Kult-Charakter: ein Dreh am Zündschlüssel. Die Benzinpumpen surren, und unter heißerem Röcheln erwacht der Zwölfzylinder zum Leben. Gasstöße verwandeln den sonoren Bass des Triebwerks in ein ohrenbetäubendes Kreischen. "Da bekomme ich immer wieder Gänsehaut", sagt Thomas Pfändner. Sein Lamborghini Mucielago ist ein Supersportwagen der Extraklasse, in Handarbeit gebaut im Lamborghini-Werk in Sant' Agata Bolognese in Norditalien.

Acht bis zehn Tage dauert es, bis ein Murcielago auf die Räder gestellt wird. Das beeindruckt Thomas Pfändner, der sich schon in seiner Kindheit in die Renner aus Italien verliebt hat - wegen ihrer brachialen Leistung, ihres kompromisslosen Designs und ihrer Exklusivität.

"Es war schon immer mein Traum, so ein Gerät zu besitzen", sagt der Stadtsteinacher Unternehmer, der im Transportgewerbe tätig ist. Also machte er sich im Internet schlau, wo ein Murcielago zu finden sei. In Essen bot ein Autohändler einen solchen Wagen an. "Es war kein Kundenfahrzeug, sondern sein eigener", erinnert sich Pfändner.

Handsigniert von Valentino Balboni

Der Wagen hebt sich nochmals ab von der kleinen Zahl von insgesamt 4099 Murcielagos, die gebaut wurden. Dieses Exemplar hatte neben einer besonderen Ausstattung mit Kohlefaser-Heckspoiler und Keramikbremsen eine Leistungssteigerung vorzuweisen: Bringt es ein normaler Murcielago auf 640 PS, so reicht dieser gar 710 PS an die vier Räder weiter. Und der Wagen ist handsigniert von Valentino Balboni, dem ehemaligen Cheftestfahrer der Autoschmiede. Im Innenraum befindet sich eine Plakette mit seinem Signet.

Für den 45-jährigen Stadtsteinacher gab genau dies den Kaufausschlag: "Das steigert den Wert des Autos nochmals, macht ihn zu etwas ganz Besonderem." Und bietet beste Voraussetzung für eine Wertsteigerung. Denn Fahrzeuge diesen Kalibers werden mit der Zeit immer teurer.

Neuwert: zehn VW Golf

Ohnehin werden gebrauchte "Lambos" vergleichsweise hoch gehandelt. Auch Pfändner musste für den Gebrauchtwagen einen Betrag im unteren sechsstelligen Bereich hinblättern. Für den Neupreis des Murcielago, der bis 2010 gebaut wurde, hätte man leicht zehn VW Golf bekommen.

Doch ist sowas nicht Geldverschwendung? Thomas schüttelt den Kopf: "Für mich keinesfalls. Ich habe mir meinen Traum erfüllt. Das zählt. Und wenn andere Leute jedes Jahr dreimal in Urlaub fahren oder Weltreisen unternehmen, kommt das auf die Dauer auch teuer. Die Urlaube sind dann vorbei, mein Lambo aber ist noch da." Zudem bietet der Wagen ein kaum in Worte zu fassendes Fahrvergnügen, das wohl am ehesten mit dem Ritt auf einer Kanonenkugel zu vergleichen ist. Mit unendlicher Kraft katapultiert der Zwölfzylinder den 1,8 Tonnen schweren Boliden dermaßen nach vorne, dass einem der Atem stockt. Nach jedem Schaltvorgang per Formel-1-Wippe wird der Fahrer ruckartig in die Schalensitze gepresst.

Adrenalin im Blut

Der erste Gang reicht bis hundert Stundenkilometer, die nach nur drei Sekunden erreicht sind. 30 Sekunden dauert es, dann zeigt die Tachonadel auf die 300er-Marke. Doch da ist immer noch nicht Schluss - der "Lambo" prescht weiter nach vorne. Erst bei Tempo 340 endet der Schub. Dieser Speed treibt dem Fahrer das Adrenalin ins Blut, Schweiß auf die Stirn und Schauer über den Rücken. Ekstase auf vier Rädern.

Doch die Geschwindigkeit ist nur eine Seite des Vergnügens: Genauso viel Spaß macht, wie sich der Renner lenken lässt. Spoiler und seine Keilform pressen den Boliden derart auf den Boden, dass er läuft wie auf Schienen. Das ermöglicht auch die ultrabreite Bereifung: An der Hinterachse sind 335er Walzen aufgezogen. Und der Allradantrieb, ein Geschenk der Konzernmutter Audi, lässt den "Lambo" unbeirrt seine Bahn ziehen.

Nicht für den Alltag geeignet

Der Pilot sitzt dabei förmlich auf der Straße. Die Bodenfreiheit beträgt nur minimale neun Zentimeter, was für einen tiefen Schwerpunkt sorgt, aber die Alltagstauglichkeit enorm einschränkt. So wird es zum Abenteuer, in Kulmbach über die Fahrbahnschwellen vor der Milchbar zu rollen. Um nicht aufzusitzen, hebt Pfändner die Vorderachse per Knopfdruck um einige Zentimeter an. Ein absolutes No-Go sind Tiefgaragen: Der "Lambo" würde zwar mit seinen 1,06 Metern Höhe locker unter jede geschlossene Schranke durchfahren können, doch wegen des geringen Rampenwinkels überall aufsetzen. In Parkboxen alten Zuschnitts passt er auch nicht: Mit 2,30 Metern ist er breit wie ein Laster. Es braucht überhaupt Leidensfähigkeit, einen solchen Wagen zu fahren, denn das brettharte Fahrwerk lässt jeden Komfort vermissen ("Du spürst jedes Steinchen auf der Straße") und die Zuladung ist minimal: In den Kofferraum passen gerade mal zwei Kisten Bier.

In Urlaub fahren kann man mit einem solchen Teil also nicht. Dafür sorgt er für viele Kontakte. Wenn Thomas Pfändner durch die Innenstadt fährt, sind ihm bewundernde Blicke sicher. Passanten drehen sich um und heben den Daumen, Kinder winken ihm begeistert zu. Und beim Ein- und Aussteigen sorgen die nach oben klappenden Flügeltüren für erstaunte Augen.

Bis zu 30 Liter pro 100 Kilometer

Der Unterhaltungswert ist exorbitant hoch - die Unterhaltskosten auch: Zwar halten sich die Ausgaben für Steuer und Versicherung noch in Grenzen, doch jeder Halt an der Zapfsäule zaubert ein Lächeln auf das Gesicht des Tankwarts: Bei forscher Fahrweise laufen bis zu 30 Liter pro 100 Kilometer durch die Einspritzanlage. Kein billiges Vergnügen also. Doch das sind die bereits erwähnten Weltreisen auch nicht ...red