Richtig in Presseck angekommen ist der neue Pfarrer noch nicht. "Aber man kann schon im Pfarrhaus übernachten", nimmt Siegfried Welsch das kleine Chaos, das derzeit noch regiert, gelassen. Nur das Büro ist schon tip-top in Ordnung. "Wir machen halt alles selbst", sagt der Pfarrer entschuldigend und packt Kisten aus, schraubt Regale zusammen und dreht Schrauben ein. Vor der Tür liegt eine zugeklebte Schublade, die noch darauf wartet, ins Innere geholt zu werden. Unglaublich viele Autos mit Hofer und Coburger Kennzeichen stehen vor der Tür.

Der neue Seelsorger hat am 1. Januar seinen Dienst in Presseck aufgenommen, aber erst am 13. Januar wird er offiziell bei einem Festgottesdienst am Nachmittag in seine neue Stelle eingeführt.
Doch eins ist klar: Der 46-Jährige ist kein Geistlicher, der sich versteckt, sondern einer, der weltoffen ist, der modern denkt.
Er ist ein Pfarrer zum Anfassen und einer, der offen zu Schwächen und Menschlichkeiten steht. Er wird gemeinsam mit seiner Freundin Christine Herpich (37) und deren Tochter Lena (10) ins Pfarrhaus einziehen. Und auch die Kinder aus seiner Ehe - Pauline (14) und Bernhard (11) - werden so oft wie möglich in Presseck sein. Die beiden gehen jedoch auch in Zukunft in Naila zur Schule. "Und Lena macht natürlich die vierte Klasse in Bad Steben fertig", erklärt Welsch.

Zur Familie gehört außerdem noch eine alpenländische Dachsbracke namens Gustl. Ihre Spezialität ist die Fuchsjagd.

"Ich lebe jetzt ein Jahr getrennt von meiner Frau, in Scheidung. Es gibt Dinge, die gehen einfach nicht mehr", sagt der Pfarrer offen und ehrlich, gibt aber zu, dass solch eine Situation - gerade als Pfarrer - nicht einfach ist. "Ich wollte auch wegen der Kinder nicht zu weit weg, aber Presseck ist nah genug, um sie jederzeit von der Schule abholen zu können", sieht er seine neue Stelle ganz praktisch. Und die Gegend rund um die Marktgemeinde gefällt ihm ausnehmend gut.

Siegfried Welsch ist in Ludwigsstadt geboren. "Ich komme aus einer christlichen Familie, ich bin am Sonntag eigentlich immer in die Kirche gegangen", erzählt er. Nach der Konfirmation habe er sich dann in der Jugendarbeit engagiert. "Ich habe bald gemerkt, dass ich auf diesem Gebiet eine Begabung habe", sagt Welsch. So habe er sich schließlich dazu entschlossen, Pfarrer als Beruf in Erwägung zu ziehen. "Ich habe damals mit unserem Pfarrer darüber gesprochen, und er hat mich dazu ermutigt. Er hat damals gesagt, dass man schnell merkt, ob dieser Beruf richtig ist. Aber Pfarrer ist der richtige Beruf", sagt Welsch.

Noch nie gezweifelt

Noch keinen Augenblick hat er daran gezweifelt. Studiert hat er in Neuendettelsau, Heidelberg und Erlangen. Seine Vikariatszeit absolvierte er in Großgarnstadt bei Coburg, danach war er Pfarrer zur Anstellung in Naila. "Ich war dann acht Jahre lang in Lichtenberg", blickt Siegfried Welsch zurück.

Als Alternative hätte ihn auch Forstwirtschaft interessiert. Denn der Wald, die Tiere und die Natur sind seine große Leidenschaft. "Ich habe noch eine Jagd in Marxgrün. Die werde ich sicher aufgeben, aber ich habe auch schon Angebote hier bekommen", freut er sich auf den Neuanfang in Presseck.

Hochzeit dauert noch ein bisschen

"Ich werde meine Lebensgefährtin - sie ist übrigens freie Grafikerin - auch heiraten, aber das dauert noch ein bisschen", verrät der Seelsorger ohne Umschweife und fügt gleich hinzu, dass der Wechsel der Pfarrstelle nicht direkt etwas mit seiner Scheidung zu tun hatte. "Aber wir hätten uns sicher keinen Gefallen getan, wenn wir beide in der Gemeinde bleiben." Siegfried Welsch ist froh, dass er in Lichtenberg einen Abschluss finden konnte und nun einen Neuanfang wagen kann.

Bisher hat er viele positive Eindrücke gesammelt. Er ist vom Kirchenpatron Ludwig Freiherr von Lerchenfeld herzlich vorgestellt worden. "Ich habe auch schon etliche Pressecker kennen gelernt." Auch mit seinen Kolleginnen wie Heidrun Hemme oder Kathrin Klinger versteht er sich bereits glänzend. Ob er Akzente in der Jugendarbeit setzen kann oder ob er neue Wege in der Seniorenarbeit beschreitet, will er sich noch offen lassen: "Man muss erst sehen, was man hier vorfindet." Für die Ökumene sei er jedenfalls sehr offen, betont er. Die Pressecker Stelle ist eine Dreiviertel-Stelle, das weitere Viertel Dienst wird Siegfried Welsch in der Fachklinik Stadtsteinach leisten.

Seine Hobbys - er wandert, liest und fährt leidenschaftlich gerne Ski - muss er in den nächsten Wochen erst einmal zurückstellen. Denn eins ist sicher: Mit dem Umzug hat er vorerst alle Hände voll zu tun.