Schon seit Wochen lädt Simone Bilz, eine Lehrerin der Wirtschaftsschule Wunsiedel, via Facebook "Slammer" und "Slam-Fans" ein. "Poetry Slam" ist nicht nur etwas für die ganz jungen, sondern für alle, die Lust an geschriebenen und gesprochenen Worten haben. Literaturfreunde und Literaturschaffende, aber auch ganz normale Zuhörer aller Altersklassen sollen nur kommen, lacht Bilz. Sieben Slammer geben sich die Ehre, verkündet sie. Auch Star-Slammer Ben Bögelein, der schon zwei Mal der Poetry-Slam-King war, ist wieder mit von der Partie. "Ich weiß nicht, wie meine Chancen heute Abend stehen. Die besten Texte habe ich schon gelesen, die kann ich nicht mehr bringen und die Konkurrenz ist stark heute", stappelt Ben Bögelein (25) tief.

Er ist eigens aus Ansbach angereist und fühlt sich in der Kommunbräu richtig heimisch. Nicht nur, weil er hier schon zwei Mal das Publikum begeistern konnte, sondern auch, weil er als gelernter Brauer eine echte Ader zu leckerem Bier hat. Und das Essen mag er auch in Kulmbach. Denn das ist für die Slammer die Gage, neben den Fahrtkosten. "Ich studiere jetzt aber Kulturwissenschaften an der Fern-Uni Hagen und hoffe, dass ich irgend wann einmal in die Radioschiene hineinrutsche, also in den Bereich Moderation oder Redaktion", erzählt Ben Bögelein. Die Wortgewandtheit jedenfalls hat er. Die Schlagfertigkeit wohl auch.

Poesie-Wundertüte: Kulmbacher Kommune slammt by Infranken.de

Zur Slammerszene kam er durch einen Workshop während des Abiturs. Und außerdem hat er ein Faible für Rap-Musik. Manchmal kombiniert er auch beides. "Ich habe heute einen Fußballtext dabei und einen Text über Videospiele und Fernsehen, ich weiß aber noch nicht ,welchen Text ich nehme - das entscheide ich immer wenn ich sehe, wer vor mir war", erklärt Ben Böglein.

Vor ihm trat ein sogenannter "Rookie" auf, das ist jemand, der noch nie bei einem Slam auf der Bühne gestanden ist: also ein Frischling. Der Rookie bei "Die Kommune slammt" ist Zenaida. Zenaida ist 18 Jahre alt und sie hat durch die Initiatorin des Kulmbacher Slams - Simone Bilz - zum Slam-Gemeinde gefunden. "Eigentlich habe ich bei dem Slam-Workshop nur wegen einer Freundin mitgemacht, die hat gesagt, das könnte lustig werden. Aber ich war von Anfang an begeistert", sagt Zenaida. Doch in der Kommunbräu, als sie die vielen Leute sieht, zweifelt sie dann doch ein bisschen, ob die Entscheidung richtig war, schon jetzt das große "Line-up" zu feiern. So nennen die Slammer den ersten Auftritt. "Ich habe eine kleine Erzählung. Ich lese jetzt seit drei oder vier Wochen jeden Tag die Erzählung vor dem Spiegel vor. Ich habe sie noch nie jemandem anderen hören lassen", sagt Zenaida. Sie kommt aus Regensburg, lebt aber seit einiger zeit in Marktredwitz. Und sie hat Lampenfieber davor, dass sie sich verhaspelt, dass sie den roten Faden verlieren könnte. "Ich bin aufgeregt", gibt sie offen zu. Doch dann tritt sie ins gleißende Scheinwerferlicht auf der Bühne im Saal der Kommunbräu - und das Lampenfieber ist schnell verflogen. Denn niemand im Publikum ist zu sehen. Die Lampen sind viel zu hell.


Vegetarier, Politik und Positiv-Gerede
"Und jetzt das Voting", hofft die Initiatorin Simone auf ein gutes Gefühl beim Publikum, schließlich ist Zenaida ihr Schützling. Auf Anhieb schenkt das Publikum dem "Rookie" 20 Punkte. "Das ist nicht schlecht für einen Rookie", kommentiert Simone Bilz. Beim Voting sitzen fünf Jurymitglieder im Publikum. Sie müssen versichern, dass sie niemanden der Slammer kennen. Alle geben Punkte von eins bis zehn ab - zehn ist das beste Ergebnis. Tückisch allerdings ist, dass das Beste und schlechteste Ergebnis nicht gezählt werden, sondern nur die mittleren drei Ergebnisse.

Die Slam-Texte sind so unterschiedlich wie die Vortragenden selbst. Peter Parkster erzählt von seinen Erfahrungen als Vegetarier, Thomas Schmidt nimmt sich die Politik und dem ewigen Positiv-Gerede vor. Er vermutet, dass kleine Euphemismus-Zwerge die Texte schön schreiben. Favorit Ben Bögelein entschied sich letztlich doch für die Video- und Fernsehtexte - und heimste 24 Punkte ein für seine coole Geschichte, landete wieder im Finale.
 

 


Beeindruckende Gedichte, mit einer exquisiten Vortragsart, hatte Lukas Treffenstädt auf Lager und hat mit 23 Punkten nur haarschaf das Finale verpasst. Für Lyrik eine geniale Leistung.

Dann trat Luise Frenzel auf die Bühne: mit roter Beanie und einer tiefen Stimme, die unter die Haut geht. Und genau diese Bass-Stimme war es auch, die der jungen Frau aus Gera immer wieder Probleme bereitet - aber nicht beim Slam. Denn auch Luise Frenzel zog mit 24 Punkten ins Finale ein.

Im Finale muste Ben Bögelein musste klein beigeben: Denn Mimi Meister schubste ihn schon in der ersten Runde vom Thron mit einem Punkt Vorsprung - und im Finale dann noch einmal. Bei Mimi Meister stimmte einfach alles. Die Texte, die sie schon auf CD herausgebracht hat, waren fein und tiefsinnig. Ihr Vortrag war temperamentvoll, engagiert -und er hatte eine Botschaft. Auf Anhieb verzauberte sie die Menschen mit ihrem Gedicht "Bilder malen - und die Welt verändern" und auch mit ihrem Text "Ich bin Bücherwurm".

Das Publikum tobte vor Begeisterung - und am Ende heimste Mimi Meister den Titel Slam-Meister ein und auch die Wundertüte, die zu jedem echten Slam gehört. In die Tüte steckt jeder aus dem Publikum irgend etwas, was er dem Gewinner geben möchte: Kassenzettel und Dönergutscheinkarten, Tampons und sogar ein Erinnerungszettel mit einem Frauenarzttermin fand sich, lachte die Slammerin. Sie hat schon fünfzig Slams erfolgreich absolviert, ist fast jedes Wochenende unterwegs. Derzeit studiert Mimi Meister (25) Medienwissenschaften in Bayreuth und möchte unbedingt ihren Master machen. "Ich möchte später mal Richtung Presse und Öffentlichkeitsarbeit gehen", hofft Mimi Meister auch in diesem Punkt auf Erfolg. Natürlich hat sie sich auf ihren Auftritt gut vorbereitet. Die Familie war das Testpublikum - so wie immer, lacht sie.