Man stelle sich vor, übermorgen bräche bei einem Kulmbacher Ingenieur, der eben aus der Republik Kongo zurückgekehrt ist, plötzlich hohes Fieber aus. Dazu Gliederschmerzen, Durchfall und Erbrechen. Der Hausarzt wird herbei gerufen. Seine Diagnose: Verdacht auf Ebola-Fieber. Sofort alarmiert er das Kulmbacher Gesundheitsamt. Noch in der Nacht schickt man Blut-, Urin- und Speichelproben an das Landesamt für Gesundheit und an das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut. Tags darauf kommt von dort die Bestätigung: eindeutig RNA-Virus, Ebola.


Angesteckt im Hospital


Ein Szenario, das dem vor 50 Jahren gleicht. Am 28. Oktober 1965 waren es Pocken-Symptome, die der Arzt Artur Wagner bei Johann Krieger feststellte. Der 47-jährige Werkmeister des Landmaschinen-Herstellers Rudolf Ziemann (Kronacher Straße 6; Gelände ehemaliger "Pro-Markt") hatte sich mit seinem Chef für sieben Wochen in Tansania aufgehalten.

Bei Ivakara schulten die beiden Kulmbacher die Arbeiter einer Zuckerrohrplantage im Umgang mit einem hydraulischen Spezial-Transporter. Johann Krieger übernachtete in dem örtlichen Missions-Hospital. Es beherbergte auch 30 Pockenkranke. Seine Bedenken wies der dortige Chefarzt zurück: Der Deutsche könne sich keineswegs infizieren, da er vor Antritt der Reise seine früheren Schutzimpfungen aufgefrischt habe.


Zum örtlichen Infektionsgebiet erklärt


Krieger flog am 18. Oktober nach München zurück. Die Lufthansa-Maschine flog mit 71 Passagieren weiter nach Düsseldorf. Sein Chef hatte Tansania bereits ein paar Tage vor Krieger verlassen, um geschäftlich nach Hamburg zu reisen.

Am 29. Oktober 1965, nur Stunden nach dem Labor-Bescheid, wird in Kulmbach Seuchenalarm ausgelöst. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt die Stadt zum örtlichen Infektionsgebiet: Kontaktpersonen ersten Grades müssen isoliert werden, die zweiten Grades dürfen die Stadt nicht verlassen. Wie Stadtverwaltung, Staatliches Gesundheitsamt und oberfränkisches Rotes Kreuz auf die Herausforderung reagieren, ist auch aus heutiger Sicht zupackend und professionell: In der städtischen Berufsschule wird eine Quarantäne-Station für 54 Kontaktpersonen ersten Grades eingerichtet, es sind überwiegend Mitarbeiter der Firma Ziemann mit ihren Familienangehörigen.

Für Johann Krieger, seine Frau, seinen Sohn sowie die Schwiegereltern wird im Krankenhaus ein eigener Trakt freigeräumt. Sie werden in Einzelzimmern untergebracht und wie in einem Hochsicherheitstrakt abgeschirmt. Nach den 71 Passagieren der Lufthansa-Maschine und dem Ehepaar Ziemann wird gefahndet. Sie werden später unter ärztliche Aufsicht gestellt.


Dramatische Zuspitzung

Am 30. Oktober wird in Kulmbach nach dem Bundesseuchengesetz ein Versammlungsverbot verhängt. Der gerade stattfindende Herbstmarkt an der Hardenbergstraße wird polizeilich geräumt. Kirchweihen, Tanz-, Theater-, Konzert-, Kino- und Sportveranstaltungen, Wochen- und Viehmärkte werden abgesagt. Die Gaststätten sind nur tagsüber geöffnet. Die Hotels stehen leer, in den Geschäften bleiben die Kunden aus. Sämtliche Schulen und Kindergärten werden geschlossen, die Kinder und Jugendlichen in die "Pockenferien" geschickt.

Mag mancher das Vorgehen der Behörden als überzogen gehalten und über die Pocken pubertäre Witze gerissen haben, so ändert sich dies schlagartig am 2. November. Bei Kriegers Arbeitskollegen Helmut Wülfert, der sich in Quarantäne befindet, brechen die Pocken aus. Der 27-jährige Schlosser wird sofort von der Berufsschule in die Isolierstation des Krankenhauses verlegt. In Kulmbach grassiert zunehmend Angst.


"Kein Anlass zur Panik"


Um einer drohenden Pocken-Panik entgegen zu wirken, richtet das Staatliche Gesundheitsamt unter Paul Freidank einen Krisenstab ein. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsamtes tritt in Bonn vor die Presse und beruhigt die Öffentlichkeit: "Es beseht kein Anlass zu einer Pockenpanik. Wir haben die Angelegenheit völlig, und zwar auch international, unter Kontrolle."

In Kulmbach wird die Impf-Kampagne forciert. Mit beträchtlichem Erfolg. In den eingerichteten Impflokalen (Rotkreuzheim, Schulen) lassen 27 349 Personen ihre Pocken-Impfung auffrischen - mehr als Kulmbach Einwohner zählt.

Die 21 Pocken-Tage dominieren die Berichterstattung in den hiesigen Lokalzeitungen. Doch auch die überregionalen Medien berichten groß über Kulmbach, Vertreter der Klatschpresse reisen an und bringen die "Pockenstadt" auf die Titelseiten.

Vor Ort wird täglich ausführlich über die Situation der Isolierten berichtet. Von ihren Aktivitäten gegen die Langeweile zum Beispiel - Schafkopf, Tischtennisspielen, Fernsehgucken oder Lesen. Ihre Zahl in der Berufsschule hat sich nach dem zweiten Pocken-Fall auf 84 erhöht - 62 Männer, 18 Frauen und vier Kinder.


Kontakt per Walkie-Talkie


Unter ihnen sind die beiden Ärzte Artur Wagner und Hermann Glaser, die den Infizierten behandelt haben und somit selbst zu Gefährdeten geworden sind, sowie sieben Schwestern und Pfleger des Roten Kreuzes, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt haben.

Manches mutet heute kurios an, etwas die Versorgung mit Lebensmitteln: Kartoffeln, Fleisch, Brot, Käse und Milch werden am Hintereingang der Berufsschule deponiert. Erst wenn der Fahrer ums Eck gebogen ist, wird die Tür geöffnet. Oder die Kommunikation: Die Eingeschlossenen sprechen mit ihren Angehörigen per Standleitung, die über einen Sicherheitsabstand von 20 Metern vor den Eingang der Berufsschule verlegt worden ist.
In der Seuchenstation des Krankenhauses sind es kleine Sprechfunkgeräte, Walkie-Talkies, mit denen eine Verbindung nach außen hergestellt wird.

Nach drei Wochen wird Entwarnung gegeben: Kein weiterer Pocken-Ausbruch. Am 12. November hebt die Stadt das Veranstaltungsverbot auf.

Am 17. November werden die Isolierten gründlich desinfiziert und ausgeschleust. Tags darauf öffnen die Schulen wieder. Einrichtungen und Impflokale werden in Formalindampf gereinigt. Als sich der Dampf verzogen hat, allseits großes Aufatmen und das Gefühl: Wir sind noch einmal davon gekommen.