Weil sie offensichtliche Missstände in einem Alten- und Pflegeheim im Landkreis angeprangert hatte, muss sich eine 49-jährige Pflegerin vor Gericht verantworten. Der Prozess scheiterte im ersten Anlauf und wurde erst einmal auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Grund dafür ist, dass weitere umfangreiche Nachermittlungen notwendig sind und eine ganze Reihe weiterer Zeugen geladen werden muss.

Von menschenunwürdigen und menschenverachtenden Praktiken war die Rede, von Geldunterschlagungen und arbeitsrechtlichen Problemen, von Mobbing und vom Wegsperren dementer Bewohner. Angeklagte waren dabei nicht etwa die dafür Verantwortlichen, sondern die Altenpflegerin, die sich damit an den ehemaligen Chamer Landrat und amtierenden Präsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes Theo Zellner gewandt hatte.

Pflegerin erhebt schwere Vorwürfe gegen Heimleiterin

Zwei konkrete Fälle hatte die Frau, die mittlerweile längst woanders arbeitet, aufgegriffen. Einmal soll die Heimleiterin sie angewiesen haben, einer angeblich im Sterben liegenden Frau keine Medikamente und Infusionen mehr zu verabreichen, da sie das Zimmer bereits jemanden anders versprochen habe.

Im zweiten Fall soll die Heimleiterin verhindert haben, dass einem Patienten mit offenen Wunden eine dringend notwendige Krankenhausbehandlung ermöglicht worden sei. Einer internen Prüfung zufolge hatte sich beides nicht als wahr erwiesen und so muss sich die Frau jetzt wegen übler Nachrede und wegen Verleumdung verantworten.

Sämtliche Vorwürfe werden zurückgewiesen, erklärte ihr Verteidiger Karsten Schieseck gleich zu Beginn der Verhandlung. Seine Mandantin habe zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, den Ruf der Heimleitung zu schädigen. Ihr sei es lediglich um die betroffenen Bewohner gegangen. "Ziel war es, Missstände abzustellen und eine sachgerechte Pflege zu ermöglichen." Deshalb habe sie sich auch nicht an die Presse gewandt, sondern den Brief an den BRK-Präsidenten geschrieben.

Pflegerin hat Tagebuch geführt: "Ich konnte das alles nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren"

Sämtliche Geschehnisse hatte sie in einem Tagebuch festgehalten. "Ich konnte das alles nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren", sagte die Frau, die einige Semester Medizin studiert hatte, eine Ausbildung als Krankenpflegerin und eine weitere Ausbildung als Altenpflegerin hat. Viele Bewohner hätten ja längst mitbekommen, was in dem Heim läuft, da das Personal ständig wechselte. Bereits vor dem Brief an den Präsidenten habe sie sich bereits an den Kulmbacher Landrat Klaus Peter Sölllner und an den damaligen BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold gewandt, doch passiert sei nichts.

Unterstützung bekam die Angeklagte von einer damaligen Kollegin, die als Zeugin geladen war. Sie bestätigte, dass ihr die Heimleiterin aufgetragen hätte, der sterbenskranken Frau keine Medikamente mehr zu geben, weil das Zimmer ohnehin einige Tage später benötigt werde. Sie habe sich daraufhin mit der Ärztin der Frau kurzgeschlossen, die von einer solchen Anweisung nichts wusste. Auch der Senior mit den offenen Wunden hätte nach Ansicht der Zeugin längst in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssen, was aber von Seiten der Heimleitung verhindert worden sei. Sie selbst habe dem physischen und psychischen Druck auch nicht mehr standgehalten und habe gekündigt. "Ich wollte zum Wohle der Bewohner einiges umsetzen, doch es wurden uns immer wieder Steine von der Heimleitung in den Weg gelegt", sagte die Zeugin.

Eine ganz andere Auffassung vertrat die ebenfalls als Zeugin geladene Heimleiterin, die mit Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall als Zeugenbeistand gekommen war. Sie bezichtigte die Angeklagte offen der Lüge und sprach von hinterhältigen Machenschaften. Regelmäßig seien Ärzte im Heim gewesen, nichts laufe ohne deren Verordnung, so die Heimleiterin.

Heimleiterin spricht von Hetzkampagne: "Die haben mein Leben zerstört"

Die Frau sprach von einer Hetzkampagne gegen ihre Person und von Trittbrettfahrern, die sie in den sozialen Medien durch den Kakao gezogen hätten. "Die haben mein Leben zerstört", sagte die Frau, die noch immer an der Spitze des betreffenden Heimes steht, und holte zum Gegenschlag aus. Die Angeklagte habe in Wirklichkeit Stundenbetrug begangen.

Richterin Sieglinde Tettmann entschloss sich nach über vier Stunden Verhandlungsdauer, zahlreiche weitere Zeugen zu laden, unter anderem die Ärzte der beiden mittlerweile verstorbenen Heimbewohner und die ermittelnden Polizeibeamten. Außerdem will das Gericht die Pflegedokumentation genau überprüfen. Ein neuer Termin wird von Amts wegen bestimmt.