Zu viel Zeit hat Roswitha Patutschnick-Stölzel mit ihren 56 Jahren eigentlich nicht. Sie ist Sport- und Übungsleiterin in verschiedenen Disziplinen. Sie bietet Tanzkurse an, engagiert sich für Senioren, und sie ist in der Hospizarbeit tätig. Doch seit drei Jahren - also von der ersten Stunde an - ist sie auch beim ehrenamtlichen, ökumenischen Besuchsdienst am Klinikum Kulmbach mit von der Partie. "Ich bin sogar extra wieder in die Kirche eingetreten - in die evangelische Kirche", erzählt sie. "Die Arbeit, die ich hier leiste, war mir einfach wichtig."

Roswitha Patutschnick-Stölzel ist immer freitags auf der Station 4 b im Einsatz. Sie geht offen auf die Menschen zu. Innerhalb der ersten Sekunden entscheidet sich, ob sie Zugang zu einem Patienten findet.
In den vergangenen Jahren hat sie niemals negative Erfahrungen gemacht, kann sie den acht neuen Helfern, die soeben den Grundkurs als ökumenische Klinikseelsorger absolviert haben, nur Mut machen.

"Manchmal setze ich mich ans Bett und summe ein Lied", erzählt Patutschnick-Stölzel. Das kann vor allem bei Menschen, die nicht so gut deutsch sprechen, ein guter Ansatz sein. Manchmal redet sie einfach, manchmal muss sie zuhören, wenn die Patienten ihr Herz ausschütten und sich Dinge von der Seele reden, die sie nahen Verwandten nicht aufbürden möchten.

"Ich will zeigen, dass man sich selbst nicht aufgeben darf. Es sind doch die Begegnungen mit den Menschen, die dem Leben Sinn geben", erklärt Patutschnick-Stölzel. Und die schönste Belohnung für die ehrenamtlich Engagierte ist ein herzerfrischendes Lachen. "Durch den Besuchsdienst hat mein Herz ein Gesicht bekommen", sagt Patutschnick-Stölzel.

Ein Ritual hilft

Mit einer Art Uniform und einem festen Ritual bereitet sich die Klinikseelsorgerin auf ihre Einsätze vor. Sie trägt immer korrekte Anzüge mit ihrem offiziellen ökumenischen Besuchsausweisschild. Im Klinikum führt ihr Weg immer zuerst in die kleine Kapelle. Dort spricht sie ein Gebet und bittet Gott um Beistand. Dann erst geht sie auf die Station. Dieses Ritual hilft ihr, auch traurige Dinge auszuhalten.

Ein ganz anderer Typ Mensch ist Max Bingart (63). "Ich hatte auch beruflich mit Menschen zu tun und das sollte auch weiterhin so sein", erzählt der Bundespolizist, der in Baden-Baden tätig war und erst seit 2008 durch seine Lebensgefährtin nach Kulmbach gekommen ist. Max Bingart wollte auch als Rentner etwas Gutes tun, und dann hat er von dem Besuchsdienst erfahren. "Ich gehe immer am Donnerstag auf die Station und besuche dort die Kranken. Die Palette reicht von Jugendlichen bis zu Hochbetagten", so Bingart. Manchmal haben Patienten schon angefragt oder die Schwestern können ein Tipp geben, wer einen Besuch wünscht. Doch auch in den anderen Zimmern macht Max Bingart eine kurze Station.

Vor allem in Zeiten, in denen die Krankenschwestern und Ärzte immer weniger Zeit haben und in denen die Verweildauern in den Krankenhäusern landauf, landab sinken, hält Bingart solche Besuchsdienste für wichtig. "Es ist eine Kunst, in Kontakt zu kommen. Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand annimmt, dann ist oft ein gutes Gespräch möglich", sagt er. Und die höchste Form der Seelsorge ist es, wenn er einem Kranken die Hand auflegen darf. "Das ist selten", sagt Bingart. Aber jedes Mal vermittelt dem Klinikseelsorger das dann das Gefühl, dass sein Zuhören und seine Worte angekommen sind. "Manchmal bete ich auch mit den Patienten, aber nur, wenn sie es wollen", sagt Bingart.

Keine Missionierung

Auch Andersgläubige profitieren von dem seelsorgerischen Angebot. "Wir sind ein ökumensicher Besuchsdienst", bestätigt der katholische Pastoralreferent Wolfram Schmidt und stellt klipp und klar fest, dass keinerlei Missionierung erfolgt. Gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Christian Schmidt übernimmt Wolfram Schmidt die Organisation der ehrenamtlich Tätigen. "Diese Arbeit ist wirklich wichtig", zollt Schmidt den Engagierten Respekt und Anerkennung.
Vor drei Jahren wurden die Klinikkseelsorger der ersten Garde über dreieinhalb Monate lang je drei Stunden pro Woche ausgebildet. Nun stehen acht neue Seelsorger bereit für ihren Einsatz. "Die neuen ehrenamtlich Tätigen sind zwischen 30 und 60 Jahre alt. Einer ist sogar extra wieder in die Kirche eingetreten", freut sich Schmidt und hofft auf gutes Gelingen.

In einer kleinen Feierstunde mit Pfarrerin Kathrin Klinger und Dekan Hans Roppelt wurde die Grundausbildung abgeschlossen. Allerdings herrscht derzeit ein deutlicher Frauenüberschuss bei den Seelsorgern. Denn neben Max Bingart ist nur noch ein weiterer Seelsorger männlich.

Besonders wichtig ist dem katholischen Pastoralreferenten die ständige Weiterbildung. Jeden Monat finden Treffen statt. So steht im Februar "Das Geheimnis des Lebens berühren" - auf dem Programm. Dabei soll es Anregungen für die Praxis geben. Im März zeigt Pfarrerin Heidrun Hemme eine etwas andere Art der Begegnung mit der Bibel. Im April ist ein Theaterabend im Baumann "Der eingebildete Kranke" angesagt, und im Mai geht es ums Segnen.

Als hauptberuflicher Seelsorger steht der Pastoralreferent, wie auch sein evangelischer Pfarrerkollege, den Ehrenamtlern immer mit Rat und Tat zur Seite. Denn natürlich gibt es auch Begegnungen, die zu Herzen gehen. Max Bingart hat am Anfang seiner Tätigkeit immer ein Buch geführt, das er dann bewusst ins Regal gestellt hat - um mit dem Gehörten auch wirklich abzuschließen. Und außerdem kommt Krankenhausseelsorgerin Mechthild Prause aus Hof regelmäßig als Supervisions-Beauftragte, um den ehrenamtlich Tätigen beizustehen und Verbesserungen anzuregen. Denn schließlich sollen die Klinikseelsorger ein Segen für die Kranken sein, aber auch selbst keinen Schaden an der Seele nehmen.