12 500 Kilometer entfernt von ihrem kleinen Heimatdorf Heubsch hat Inga Schmudlach neun Monate lang in der großen chilenischen Hafenstadt Valparaiso gelebt. Das klingt nach Paradies. Es ist auch eines, aber eines der besonderen Art. Das Glück besteht darin, an einem Ort leben und arbeiten zu dürfen, an dem man es genießen kann, und nicht viel, sondern wenig zu besitzen. Schenken, geben, teilen, Menschen trösten, spenden, arbeiten, putzen, kochen, schrubben - und dazu selbst auf ein komfortables Dasein verzichten. Das war der Alltag während des Volontariats, das die 19-Jährige über den Christlichen Verein junger Menschen (CVJM) absolviert hat.
"In Deutschland ist unser Leben so organisiert und geplant, hier gibt es einfach alles zu kaufen. Ich habe gelernt, dass es möglich ist, mit weniger auszukommen und trotzdem glücklich zu sein", sagt Inga Schmudlach, die nach ihrer Rückkehr noch einige Zeit brauchen wird, "um den Kulturschock zu verdauen".
Und sie wird sich wieder an den Umgang mit Stress gewöhnen müssen. "Ich habe erlebt, dass die Chilenen ein ziemlich unorganisiertes Volk sind und ein anderes Zeitempfinden haben. Zu spät kommen gilt als völlig normal. Insgesamt ist es dort für mich aber nicht schlechter als in Deutschland. Die Leute begrüßen sich alle mit Umarmungen und einem Kuss. Sie sind herzlicher, lachen oder weinen mehr. Ich gebe zu, dass ich gerade das besonders vermisse."
Die soziale Arbeit, die Inga Schmudlach geleistet hat, ist in Chile enorm wichtig. Der dortige CVJM unterstützt mit deutscher Hilfe eine Armenspeisung und ein Schulprojekt. Der Unterricht ist hart. In der Schule gibt es keine Heizung, aber immerhin einen Spielplatz. Diese Kinder leben auf dem ärmsten Hügel der Stadt unter erschwerten sozialen Bedingungen. Sie wollen auch einmal liebevoll in den Arm genommen werden - wie der kleine Jorge aus Valparaiso, für den die junge Frau aus Heubsch so etwas wie eine Ersatzmutter war.

Auch Erwachsene unterrichtet


Obwohl sie Spanisch erst seit einem Jahr kann, unterrichtete Inga Schmudlach auch erwachsene Chilenen im Lesen und Schreiben. Dass einige von ihnen später eine Arbeit fanden, erfüllte sie mit Zufriedenheit. Das Singen christlicher Lieder auf Spanisch war etwas Besonderes bei den Gottesdiensten, die die 19-Jährige selbst gestaltet hat.
Ein Höhepunkt ihres Aufenthalts war ein deutscher Abend, der für die chilenischen Freunde des CVJM ausgestaltet wurde. Die Südamerikaner erfuhren dabei auf gesellige Weise, was man unter Bierkrugstemmen versteht, testeten deutschen Leberkäse, Apfelstrudel, Nudelsalat und Laugenbrezen. Ein wenig Bier durfte auch nicht fehlen.

Freizeitgestaltung mit Fantasie


Für Kinder und Jugendliche gibt es in Chile relativ wenig Spielzeug, elektronische Geräte sind Mangelware. So heißt das Zauberwort für die Freizeitgestaltung Fantasie. Eine Weiterbildung des CVJM im Fach "Improvisation" hat Inga Schmudlach viele neue Erkenntnisse gebracht. So lernte sie, spontan eine Gruppe von Kindern sinnvoll zu beschäftigen, ohne dass teures Material zur Verfügung stand. Theaterspiele, Gesang, Abklatschspiele und Figurenbilder aus brennenden Hölzern - alles ist möglich.
Ein "Traum" war es für Inga Schmudlach, auf dem "mercado" einzukaufen, dem Markt von Valparaiso. Leckere Granatäpfel, Avocados oder Mangos - Früchte wohin das Auge reicht. "Fleisch dagegen gibt es nur etwa einmal pro Woche - das war's"-, sagt die 19-Jährige, die wochentags in einer Mensa speisen konnte, sich am Wochenende aber selbst versorgen musste. Ihr liebstes Getränk war "Jugo" - ein zuckerfreier Fruchtsaft, den es in vielen Sorten gibt. Sicherheitshalber hat sie sich davon einen kleinen Vorrat für die erste Zeit in Deutschland mitgebracht, um die Umstellung besser verkraften zu können.
Was Inga Schmudlach in neun Monaten alles geleistet hat, kann kurz und schnell weder berichtet noch beschrieben werden. So begeisterte sie im Kasendorfer Jugendtreff Freunde und Bekannte mit einer Fotopräsentation samt Quiz über das Leben der Chilenen und ihre Missionsarbeit. Die Besucher, die sich von den Fernsehübertragungen der Fußball-EM loseisen konnten, probierten neugierig auch kulinarische Köstlichkeiten aus dem südamerikanischen Land. Mit dem alkoholfreien chilenischen "Jugo" stießen alle gemeinsam an: "Auf Inga!"
"Hola, dann fangen wir mal an", sagt die 19-Jährige, die glücklich über die Zeit in Chile ist, die sie sehr geprägt habe. "Mein Glaube ist stärker geworden, und ich selber auch", stellt sie fest. Im September wird sie die sechs Jahre dauernde Ausbildung als Diakonin bei den Rummelsberger Anstalten beginnen.
Svenja Handke aus Kasendorf und findet es gut, wie sich Inga für andere Menschen eingesetzt hat, die nicht so viel besitzen wie die Durchschnittsbürger hierzulande. Die junge Frau, die ein berufsvorbereitendes Jahr im Kulmbach absolviert, hätte sich nicht vorstellen können, dass es außer Armut und Trübseligkeit in Chile auch dankbare und lachende Menschen gibt. Außerdem gefallen ihr die vielen kunterbunten Häuser, Mauern und Orte. Und natürlich die Kostproben aus der chilenischen Küche.