Der Scharfmacher hat einen Namen: Kontorek. Mit glühendem Kopf schwadroniert er von Bewährung, von Heldentum und der heiligen Pflicht, dem Vaterland zu dienen. Bis die ganze Abiturklasse zum Bezirkskommando marschiert und sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet. So stellt es Erich Maria Remarque in seinem Antikriegs-Romans "Im Westen nichts Neues" dar.

An der Oberrealschule Bayreuth heißt der Geschichts- und Deutschlehrer der Unterprima (8. Klasse) Julius Bräuninger. Er ist gleichzeitig Schulleiter der Höheren Schule mit ihren 400 Zöglingen. Unter seiner Führung brechen 37 Schüler der Unter -und Oberprima vor dem Abitur ab und melden sich freiwillig zu den Fahnen. Einer davon: Willy Wenninger. Wenige Tage nach Kriegsausbruch im August 1914 meldet er sich - gerade 18 geworden - zunächst bei der Sanitätskolonne Neuenmarkt. Drei Monate später, am 4. November, schreibt er sich beim 7. Infantrie-Regiment "Prinz Leopold" ein.

Der 1896 in Kulmbach geborene Wenninger ist ein intelligenter Bub. Die am heutigen Graf-Münster-Gymnasium noch vorhandenen Zeugnisse zeigen dies: ein Zweier-Schüler mit besonderer Stärke in den naturwissenschaftlichen Fächern. Sein Vater Wilhelm ist ein gelernter Eisenbahner aus Straubing, der in Kulmbach hängen bleibt. 1895 heiratet er Margareta Zink, die Tochter des Metzgermeisters Peter Zink im Unteren Stadtgässchen. Als er die Stelle eines Eisenbahn-Sekretärs in Neuenmarkt erhält, zieht die Familie ins benachbarte Wirsberg um.

Militaristischer Geist

1907 wird Willy in Bayreuth angemeldet. Die Eltern scheuen das hohe Schulgeld nicht, um ihren Sohn einen Aufstieg zu ermöglichen. Die Hallen des Gymnasiums durchweht ein militaristischer Geist, gepaart mit Wittelsbacher-Verehrung und einer regelrechten Verschwisterung mit dem Königlich Bayerischen 7. Infantrie-Regiment.

Am 4. November 1914 wird Willy Wenninger als Fahnenjunker eingekleidet. Am Abend greift er erstmals zum Tagebuch, eine ledergebundene Kladde im Kleinformat. Er schreibt mit blauer Tinte in gestochener Schrift auf das zeilenlose Papier. Penibel, knapp, kühl bis ins Mark. Es soll der Stil eines angehenden Leutnants sein. Es dürfen nur Fakten sein, Gefühle würgt er ab. Bei der Abfahrt zum Fahnenjunker-Lehrgang nach Berlin-Döberitz wird dies zum Beispiel deutlich: "17. Februar 1915: Meine Klassenkameraden brachten mir zum Abschied Blumensträuße an den Bayreuther Bahnhof. Beim Halt in Neuenmarkt verabschiedeten mich meine Eltern mit Tee und Brötchen". Es folgen täglich genaue Angaben zum Tagesablauf in der Heeresschule: Unterricht, Exerzieren, Appell, Gewehrreinigen, Scharfschießen, Übungen im Schützengraben.

"Ich komme ins Feld"

Nach seiner Rückkehr nach Bayreuth liest man am 4. Mai: "Mitteilung, daß ich am 8. Mai ins Feld komme". Punktum. Doch dann folgen Zeilen des Schriftstellers Gustav Freytag: "Der Krieg verkündet unaufhörlich durch den Donnerton seiner Geschütze, daß der Einzelne und sein Leben verschwindend wenig sei gegen das Leben seines Volkes". Später, in vorderster Linie, kommt ihm ein Gedicht Ernst Moritz Arendts in denn Sinn: "Was ist ein Mann? Der sterben kann/Für Gott und Vaterland, Er läßt nicht ab bis an das Grab/Mit Herz und Mund und Hand." Oder er zitiert Verse Max von Schenkendorfs: "Soll mir der Todesengel winken, hier bin ich, Herr, wie´s dir gefällt". So schwülstig und verlogen uns heute die Verse vorkommen, für Willy sind sie ein Halt. Und für den Leser ein Blick in sein Inneres.

Die Front lernt er bei Vigneulles in der Nähe von Metz kennen. Seine 12. Kompanie wird der Verstärkung der vordersten Linie zugewiesen. Im Schützengraben erlebt er ein massives Bombardement der Franzosen mit Minenwerfern, Granat- und Geschützfeuer. Eintrag 19. Mai: "Jetzt kam eine schreckliche Nacht. Die Granaten platzten stundenlang um uns herum. Um sechs Uhr kam endlich die Ablösung. Zwei Verwundete".

"4 hübsche Löcher im Kopf"

Dieser Tagebuch-Stil wird bleiben: Verwundete, gar Gefallene werden am Rande vermeldet, der Irrwitz der Material- und Abnutzungsschlachten ist ihm keine Zeile wert. Als angehender Offizier möchte Willy Vorbild für seine Leute sein, Haltung zeigen, Selbstdisziplin. Bezeichnend ist, wie er eine eigenen Verwundung beschreibt. Durch Artillerie-Beschuss ist sein Unterstand eingeebnet, er selbst von Splittern erwischt worden: "Der Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. 4 hübsche Löcher im Kopf und einen Splitter am Augenlid. Gut verbunden marschierte ich zur Sanitätskompanie. Ich habe mich saumäßig geärgert, denn ich musste von ½ 1 Uhr bis 7 Uhr liegen bleiben." (1. Juli 1916)

Zwischen Front und Kasino

Was kurios anmutet: Der Rhythmus zwischen mörderischer Attacke und dem Leben in den zurückgezogenen (Wald-) Lagern. Gerade noch zwischen Stacheldrahtverhauen im Dreck, begibt sich der junge Leutnant im Lager "Neu Württemberg" ins Kasino: " Mittagsessen im Kasino: Rindsgulasch mit Gemüse, gefüllte Kalbsbrust mit Feldsalat und Kartoffeln. Danach Kaffee und Zigarre. Zurück. Abends große Sauferei, dauerte bis ½ 4 h". (1. Februar 1916). Einträgen wie diesem für die "Entspannung" vom ungeheuerlichen Druck begegnet man immer wieder. An anderer Stelle heißt es zum Beispiel: "In vorderer Linie. Abends bis ½ 3 Uhr gemütliches Schafkopfen". Penibel wie er ist, heftet er die Kasino-Rechnungen in sein Tagebuch ein.

Was bleibt?

Am 15. September 1916 ist Willy Wenninger tot. Eineinhalb Jahre hat er die schweren Kämpfe zwischen Maas und Mosel und der Champagne überstanden. Die französisch-englische Großoffensive an der Somme, die brutalste Materialschlacht des Ersten Weltkrieges überhaupt, überlebt er nicht. Irgendwo in dem apokalyptischen Trichtergelände über der Ortschaft Ginchy wird sein junges Leben ausgelöscht. Zunächst gilt er als vermisst, zwei Wochen später wird sein Leichnam identifiziert. Seine Eltern in Wirsberg erfahren am 23. August vom Tod ihres Sohnes. Vom Regiments-Kommandeur erhalten sie das (übliche) "Gedenkbuch an unsere gefallenen Helden" zugeschickt - vor allem aber sein Tagebuch.

Erschütterte Eltern

Wie erschüttert sie gewesen sind, kann man den Gedanken und Versen der Mutter entnehmen, die sie den leeren Seiten des Büchleins anvertraut. Am 21. November 1916 setzen die Eltern eine Todesanzeige in die Zeitung. Darin heißt es: "Unser herzensguter, edler Sohn, unser einziges Kind gab am 15. September früh 6 Uhr in heißem Kampfe sein junges Leben dem Vaterland" .
Willy Wenninger liegt auf dem deutschen Soldatenfriedhof Fricourt (Departement Somme) begraben. Das war vom Volksbund Deutscher Kriegsgräber zu erfahren.


Auszug aus dem Tagebuch von Willy Wenninger

Folgendes schreibt Willy Wenninger in sein Tagebuch:

"Weihnachten im Felde 1915

... Dunkel wurde es schon um 5 Uhr u. jetzt begann eine schreckliche Zeit. Es war so finster, daß man kaum die Hand vor Augen sah. Schwere Wetterwolken jagten am Himmel dahin. Um 6 Uhr abends stiegen ich und Vizef. Schirmer aus dem Graben, um Drahthinternisse, sig. Stolperdrähte, zu legen.
Unten im Grund, denn die Franzosen lagen ungefähr 300 m unter uns, flackerten hie und da französische Lichter auf. Wahrscheinlich aus französischen Unterständen. Drüben, jenseits des Grabens, fällten die Franzosen feste Holz, denn die Nächte waren ziemlich kalt.
1 ½ Stunden krochen wir herum, schmutzig, blutend, schwitzend. Gegen 8 Uhr ging der Mond auf, dessen fahles Licht oft durch die dahinstürmenden schwarzen Wetterwolken verdeckt wurde. Von 2-4 Uhr, wo ich Runde hatte, regnete es unaufhörlich. Froh war ich, als ich wieder in meinem Unterstande war und bis 8 Uhr schlafen konnte (...)
Am Heiligen Abend war das Wetter noch schlimmer als am 23. Den ganzen Tag regnete es unaufhörlich, so daß bereits gegen 1 Uhr der Graben stellenweise bis zu den Knien unter Wasser stand.
Abends gegen 6 Uhr saß ich dann in meinem Unterstand und zündete mir zur Feier des Heiligen Abends 2 Kerzen an, obwohl diese bei uns hier sehr selten waren. Ich gestattet mir also einen großen Luxus. Nachts von 12-2 Uhr hatte ich dann Runde und lief im Graben herum."