Hermann Müller alias der Henker von Kulmbach geht erst einmal auf Nummer sicher und will von seinem Publikum vor der alten Fronveste im Burggut wissen: "Ist hier jemand zart besaitet? Der möge jetzt weghören." Und dann erzählt er von Verbrechen und ihren grausamen Bestrafungsmethoden im Mittelalter. Keine leichte Kost für die Ohren der knapp 30 Teilnehmer der Henkerführung. Die Gewinner einer Verlosungsaktion im Rahmen des Angebots AboPlus der Bayerischen Rundschau sind jetzt alle gespannt auf die schaurigen Erzählungen des Henkers über Lochverliese, Galgenberg und Aberglaube.

In mittelalterliches Gewand gehüllt und eine Binde vor den Augen geleitet Hermann Müller die Gruppe durch Kulmbachs Vergangenheit. "Die Maske vor dem Gesicht schützt mich vor dem bösen Blick der Verurteilten", erklärt Müller und weiß sehr viel Wissenswertes über Beruf und Stand eines Henkers zu berichten.
Dieser zählte zu den unehrenhaftesten Berufen des Mittelalters, war noch unter einem Totengräber, Rattenfänger oder Fäkalgrubenreiniger angesiedelt. "Schon ein Gespräch mit mir oder eine Berührung konnte dazu führen, dass derjenige selbst unehrenhaft wurde."


Letzte Hinrichtung war 1811

In einer Zeit der Gottesurteile und Hinrichtungen durch gemeinsame Hand mittels Steinigung war es Karl der Große, der eine erste Rechtsordnung aufstellte, aber erst ab dem 19. Jahrhundert kann man ernsthaft von einer ordentlichen Gerichtsbarkeit sprechen. Bis zu dieser Zeit hatte der Henker auch in Kulmbach zu tun. 1811 fand hier die letzte Hinrichtung statt, bei der die Giftmischerin Anna Zwanziger zum Tod durch das Schwert aus dem Leben geholt wurde.

Der Henker war aber nicht nur zum Hinrichten da. Im Mittelalter zählte die Stadt Kulmbach um die 2500 Einwohner, da kann man sich ausrechnen, dass der Henker vom Hinrichten allein nicht leben konnte, das "Pro-Kopf-Einkommen" war einfach zu gering. Sozusagen im Nebenberuf hatte er die Aufsicht über das Frauenhaus, eine städtisch betriebene Stätte der Gesundheitsvorsorge. "Denn die vier Flüssigkeiten im Körper mussten im Gleichgewicht sein, sonst wurde der Mann krank", sagt Hermann Müller mit einem Augenzwinkern. Damals hieß es, zu den Hübschlerinnen könne man getrost gehen, die würden nicht schwanger. Tatsache aber war, dass die kundigen Frauen mit Hilfe eines Efeusuds Abtreibungen durchführen konnten. "Man ist heutzutage überrascht, welchen Stellenwert ein Bordell in der damaligen Zeit hatte." Dabei waren die Hübschlerinnen auch im Badhaus, dem heute ältesten Gebäude Kulmbachs, zugange. Im ersten Stock versüßten sie den Badenden Herren gegen Entgelt die Entspannungsphase.

Aber auch für zum Tode Verurteilten war das Badhaus von Bedeutung. Aus Angst, dass die Seele der Häftlinge zurückkehren könnte, wurden sie am Vorabend der Hinrichtung regelrecht "verwöhnt". Sie besuchten das Badhaus, bekamen eine Henkersmahlzeit serviert und durften sich manchmal auch der Gesellschaft der Hübschlerinnen erfreuen.


Begeisterte Teilnehmer

Was ein Henker sonst noch für Aufgaben und Nebeneinkünfte hatte, welche Verbrechen in Kulmbach bis heute nicht aufgeklärt sind und weitere spannende Geschichten erfährt man am besten selbst bei einer der zahlreichen Führungen durch Kulmbachs Vergangenheit. "Und wenn es euch gefallen hat, erzählt es weiter", bittet Hermann Müller zum Schluss des Rundgangs, der am Weißen Turm endet. Und das versprechen die begeisterten Teilnehmer auch.