"Die ergonomisch gebogene Fläche der Lehne stabilisiert den Rücken, was zu einer komfortablen, entspannten Sitzhaltung führt. Ein gut durchdachter und sauber gestalteter Stuhl, der formalästhetisch überzeugt und darüber hinaus dem Aspekt der Nachhaltigkeit gerecht wird." Mit diesen Worten umschreibt die Jury des Rats für Formgebung, warum der "German Design Award", eine der renommiertesten Auszeichnungen weltweit, in diesem Jahr in den Landkreis Kulmbach vergeben wurde. In der Kategorie Excellent Product Design fiel die Wahl nämlich auf einen Stuhl mit dem originellen Namen JO. Er entstammt der Idee und den geschickten Händen des Schreinermeisters Klaus Bartels aus Thurnau.

Einmalige Gestaltung

Die Ergonomie, die Freude am Handhaben, eine reizvolle Haptik und eine körpergerechte Sitzhaltung sind Klaus Bartels besonders wichtig, wenn er ein neues Sitzmöbel entwickelt. "Weiterhin geht es mir um die Einmaligkeit der Gestaltung, was bedeutet, niemals einem Trend hinterherzulaufen, sondern eigene neue Wege zu entdecken." Zum Pressetermin sitzt er an einem massiven Holztisch im Ausstellungsraum seiner Werkstatt, natürlich auf einem JO.

"Dieser hier ist aus Kernbuche", erklärt er, andere Modelle habe er aus Ahorn oder Kirsche gefertigt. "Anfangs habe ich viel mit Esche, dann mit Rüster gearbeitet", aktuell sei Kirsche sein Lieblingsholz. "Eiche verarbeite ich nicht so gerne, fühlen Sie mal, die Oberfläche ist nicht so geschmeidig."

Regisseur in Berlin

Seine Leidenschaft für seine Produkte ist förmlich zu spüren. Dabei war er nicht immer Schreiner. Geboren 1947 in Göttingen begann er ein Medizinstudium, wechselte zu Philosophie, Musik und Literaturwissenschaften, bis er schließlich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin seinen Abschluss als Regisseur machte. "Als ein paar Jahre später meine Tochter geboren wurde, war ich nicht bereit, sie in irgendeine gekaufte Wiege zu legen." Also schreinerte er selbst eine, "und die kam bei Freunden so gut an, dass ich weitermachte".

1975 gründete Klaus Bartels seine eigene Werkstatt in einer 650 Jahre alten Wassermühle - bei seinen Ansprüchen als 68er durften dabei Kuh, Schafe, Ziegen und etwas Ackerbau nicht fehlen. "Wir haben nicht viel verdient, waren aber glücklich."

In 45 Jahren Massivholz-Möbelbau hat Klaus Bartels 40 Lehrlinge ausgebildet und über 90 Stuhldesigns entwickelt. Inzwischen beschäftigt er bis zu zehn Mitarbeiter. "Mir ist wichtig, dass alle meine Mitarbeiter gut finden, was wir machen, dass ich meine Begeisterung für die Arbeit transportieren kann."

Stuhl für Jens Weißflog

Seit 1989 fertigt er am Standort Thurnau Stühle, Einrichtungen für Kindergärten, Gastronomie sowie für Privatkunden im In- und Ausland. Sogar für den Skispringer Jens Weißflog hat er schon einen Stuhl entwickelt.

"Zum Stuhldesign kam ich über eine Anfrage, Kinderstühle für einen Waldorfkindergarten zu bauen", erzählt er. Robust müsse ein Stuhl für ihn sein, gebaut fürs Leben. "Der Kindergartenstuhl, den ich damals auch für Erwachsene baute, steht seit 43 Jahren an meinem Schreibtisch - und obwohl ich gerne kippele, musste ich an dem Stuhl noch nie etwas reparieren." Ganz im Gegenteil zum darunter liegenden Boden, den er schon drei Mal renovieren musste. Ein Stuhl müsse bequem sein, die Höhe sollte an den Besitzer anpassbar sein, "es muss ein echter Rückenschmeichler sein".

Das sind auch die Maßstäbe, die er für den prämierten Stuhl JO ansetzte. "Diesen Stuhl hatte ich schon die ganze Zeit im Kopf, ein unkompliziertes und dennoch bequemes Sitzmöbel aus Vollholz, leicht und stapelbar." Irgendwann erhielt Klaus Bartels eine E-Mail, die an die Abgabe von Designstücken zum "Iconic Award" erinnerte. "Der Termin stand bevor, also baute ich binnen einer Woche genau das, was ich in meinem Kopf ersonnen hatte." Ein Name musste her, etwas Kurzes wollte er haben: JO!

"Ich war verdammt stolz"

"Vier Tage später bekam ich die Nachricht, dass mein Stuhl mit dem ,Iconic Award 2019' geehrt wird", sagt Bartels. Und mit dieser Auszeichnung war JO automatisch für den "German Design Award 2020", den Bundesdesignpreis, nominiert worden. "Ich brachte meinen Stuhl in die Frankfurter Messehalle voller Möbelstücke von Designern mit ganz großen Namen. Ich dachte, da kann ich aber stolz sein, hier dabeistehen zu dürfen." Dass er dann den begehrten Preis zugesprochen bekam, habe ihn umgehauen. "Ich war verdammt stolz!" Im Februar wird er zur Verleihung nach Frankfurt reisen.