Knapp vier Stunden hat die Operation gedauert. Die Patientin, eine ältere Frau mit einer Verengung des Spinalkanals in der bereits instabilen Wirbelsäule, kam mit Lähmungserscheinungen ins Kulmbacher Klinikum und konnte fast nicht mehr laufen. Wanderungen wird die Frau auch nach dem Eingriff wohl kaum mehr unternehmen können. Aber ihre Chancen stehen, gut, dass sie nach dem Eingriff wieder mobil sein kann.

Gut eine Million Euro

Die Operation an der Wirbelsäule war eine ganz besonderer Der Leitende Arzt der Neurochirurgie am Klinikum Kulmbach, Dr. Arkadiusz Kosmala, und seine Kollegin Dr. Monika Folosea operierten mit Hilfe eines neuen High-Tech-Geräts, das deutschlandweit erstmals im Einsatz war. Mehr als 350 000 Euro hat allein dieses besondere "Röntgengerät" gekostet. Zusammen mit der für den Betrieb des so genannten O-Arms benötigten Peripherie kommt bei komplexen Eingriffen an der Wirbelsäule, aber auch bei der Entfernung von Tumoren oder Blutungen im Gehirn Technik im Wert von gut einer Million Euro zum Einsatz.

Wenn Neurochirurgen komplizierte Eingriffe an der Wirbelsäule oder am menschlichen Gehirn vornehmen, ist höchste Präzision gefragt, geht es oft um Bruchteile von Millimetern. Mit Hilfe des O-Arms, eines chirurgischen Bildgebungsverfahrens, können während des laufenden Eingriffs ständig aktuelle höchst präzise Bilder sogar dreidimensional in kürzester Zeit und aus unterschiedlichsten Positionierungen angefertigt werden.

Mehr Sicherheit für Patienten

Die Daten, die der Operateur so gewinnt, werden auf die OP-Navigation übertragen: Der robotisch funktionierende O-Arm bildet jeden Abschnitt der Wirbelsäule dreidimensional ab und hilft dem Operateur sowohl bei der Planung des Eingriffs wie auch direkt bei der Operation. Für die Patienten stellt das eine deutlich größere Sicherheit dar.

Der Operateur weiß jederzeit ganz exakt, wo sich die Spitze seines Instruments befindet. "Wir sehen ja mit bloßem Auge keineswegs immer genau, wo wir operieren. Da hilft uns dieses Röntgengerät, zunächst von außen in den Körper hineinzusehen, ohne dass man ihn aufschneidet, oder während des Eingriffs in den Wirbelkörper zu blicken, ohne dass man rein sticht", erklärt Dr. Kosmala.

Bereits 2010 haben die drei Neurochirurgen aus Kulmbach, Dr. Kosmala, Dr. Folosea und Dr. Gabor Nagy den ersten O-Arm und damit das erste Navigationssystem in Betrieb genommen. Ähnliche Geräte hat es damals in Deutschland nur an einigen Universitätskliniken gegeben. Dass Kulmbach für Operationen an der Wirbelsäule eine gute Adresse ist, hat sich sogar international herumgesprochen. Immer wieder legen sich Patienten aus dem Ausland in Kulmbach unters Messer.

An der Klinik für Neurochirurgie in Kulmbach, 2009 in Betrieb gegangen, sind inzwischen drei Fachärzte tätig, und es werden 42 Patientenbetten belegt. Die werden gebraucht. Allein rund 1000 Operationen an Wirbelsäulen werden pro Jahr in Kulmbach vorgenommen. 300 davon sind komplexe Eingriffe, für die der Einsatz des O-Arms ebenso benötigt wird wie für rund 100 Operationen am Gehirn. Eingriffe am Kopf können mit Hilfe des neuen Geräts ebenfalls noch präziser erfolgen.

In wenigen Wochen wird eine weitere Software installiert, die dem Operateur Einblick in Weichteile ermöglicht. Blutungen im Gehirn und Tumore sind damit exakt zu lokalisieren.

"In unserer Klinik Routine"

Der Schwerpunkt der wirbelsäulenchirurgischen Behandlung liegt in Kulmbach auf Verengungen des Spinalkanals sowie auf Instabilität der Wirbelsäule. Bewegungserhaltende, nicht versteifende chirurgische Maßnahmen sind weitere Felder, auf denen die Kulmbacher Neurochirurgen tätig sind. "Verfahren wie Kyphoplastik, endoskopische Bandscheibenchirurgie sind in unserer Klinik Routine", sagt Dr. Kosmala.

Hersteller live dabei

Hergestellt wird der O-Arm von der Firma Medtronic in Meerbusch. Rudi Gogeißl hat die erste Operation mit dem ganz neuen Gerät zusammen mit zwei seiner Kollegen live in Kulmbach verfolgt.

Vorgängermodelle des neuen bildgebenden 3D-Röntgengeräts finden sich in namhaften Kliniken in aller Welt. Das Besondere: O-Arm und Navigation helfen dem Operateur, Implantate bestmöglich zu setzen.

Wie exakt dabei gearbeitet werden muss, erklärt Gogeißl: "Wenn man sich den Wirbelkörper anschaut, dann hat man vielleicht sieben oder acht Millimeter Platz. Da kommt eine sechs Millimeter starke Schraube hinein. Kommt man zu weit nach außen, kommt man in den Bauchraum. Kommt man zu weit nach innen, kommt der Spinalkanal mit dem Nervenstrang. Das muss natürlich vermieden werden. Dabei hilft die Navigation. Der Chirurg hat jederzeit die vollständige Kontrolle und kann zur Not sofort korrigierend eingreifen."