Ingrid Umgelter hat zusammen mit ihrem Mann bei dem legendären TV-Film "Soweit die Füße tragen" Regie geführt. Die Dreharbeiten in Mainleus und Burghaig sind ihr unvergesslich. Am kommenden Donnerstag gibt es bei einem CHW-Vortrag in Stadtsteinach Gelegenheit, Ausschnitte aus dem Film anzusehen.

BR: Der Fernsehfilm "Soweit die Füße tragen", als Sechsteiler gesendet, war ja ein sensationeller Erfolg. Haben Sie bei den Dreharbeiten daran geglaubt?
Ingrid Umgelter: Nicht im Geringsten. Mein Mann, ich, die Schauspieler waren absolut überrascht. Gut, das Thema lag in der Luft. Vielen steckte der Krieg noch in den Knochen: Verlust von Familienangehörigen, späte Rückkehr aus der Gefangenschaft, die traumatischen Kriegserlebnissen mussten innerlich verarbeitet werden. Was uns völlig überrascht hat, war aber etwas anderes: Wie begeistert das Publikum den ersten "Fernsehroman" der Geschichte des deutschen Fernsehens aufgenommen hat.
Einen solchen zu versuchen, war ein großes Risiko. Wir hätten auch krachend scheitern können.

Was meinen Sie mit "Fernsehroman"?
Einen verfilmten Fortsetzungsroman mit sieben Stunden. Gesendet an sechs Abenden zwischen Februar und April 1959. "Soweit die Füße tragen" ist die erste TV-Mehrteiler in der Nachkriegszeit. Das Serien-Prinzip war geboren.

Schon ein Jahr darauf drehten wir die Serie "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst". Danach jagte eine Serie die nächste: der Krimi-Sechsteiler "Das Halstuch" von Francis Durbridge, "Dr. Kimble auf der Flucht", "Tim Frazer", "Columbo". Der Versuch war für uns ein großes Risiko.

Erinnern Sie sich an den Dreh in Mainleus?
Als wär's gestern gewesen. Es war meine erste Regieassistenz. Ich war unglaublich nervös. Wir drehten im Sägewerk und in Burghaig Tag und Nacht. Ich glaube, ich habe in den vier Wochen in Mainleus keine Minute geschlafen. Die Stimmung im Team war trotz der Anspannung einmalig, wir waren eine große Familie. Mein Mann und die Schauspieler kannten sich alle untereinander. Den großartigen Heinz Weiss kannte er seit seiner Zeit am Augsburger Theater. Er hat sich für ihn in der Hauptrolle entschieden. Es hätte keinen besseren, authentischeren Clemens Forell finden können.

War Mainleus eigentlich Hauptdrehort für den Film?
Bei unserem mickrigen Etat von 1,2 Millionen Mark waren 79 Drehtage vorgesehen. Die Studioaufnahmen entstanden in den Bavaria Filmstudios, die Außenaufnahmen in Finnland den Schweizer Alpen, beim Tatzelwurm auf dem Sudelfeld und eben in Mainleus. 25 Drehtage waren es hier bestimmt.

Warum eigentlich Mainleus?
Das alte Mainleuser Sägewerk war mit seinen aufgeschichteten Baumstämmen, Paletten und Holzbaracken eine malerische Kulisse. Zudem führte durch das Werksgelände ein Eisenbahngleis mit Anbindung an den Mainleuser Bahnhof. Man konnte hier also wunderbar Szenen drehen, die in irgendeiner Bahnstation an der Transsibirischen Eisenbahn spielen.

Und Ihr Vater, Dr. Ernst Lipowsky? Er war ja damals, 1958, ja Betriebsdirektor der Kulmbacher Spinnerei.
Ja. Die Drehgenehmigung war sicher auch ein Grund. Das Aushandeln war aber Männersache. Ich war damals nicht dabei. Das hat mein Mann mit meinem Vater ausgemacht.

Der Film hat 58 Jahre auf dem Buckel. Was halten Sie heute von ihm?
Ein unglaubliches Projekt - wenn man die Umstände bedenkt. Wir konnten damals, auf dem Höhepunkt des im Kalten Kriegs, natürlich nicht an den Originalschauplätzen in Russland drehen. Wir mussten Notlösungen finden, um die Tundra mit ihren Schneewüsten zu simulieren. Kamera, Technik waren primitiv, der Stab winzig. Das Schlimmste aber war der Zeitdruck. Entsetzlich. Bis kurz vor der Ausstrahlung der einzelnen Teile saßen wir im Schneideraum, schwitzten Blut zu Wasser, um den Film sendefähig zu machen.

Die Fragen stellte Wolfgang Schoberth.



Alle Infos zum Film


Termin und Ort Unter dem Thema "Soweit die Füße tragen - eine Filmlegende der Nachkriegszeit" referiert Wolfgang Schoberth am Gründonnerstag, 24. März, ab 20 Uhr in der Mittelschule Stadtsteinach. Gezeigt werden die spannendsten Szenen, darunter selbstverständlich die im Kulmbacher Raum gedrehten.

Fritz und Ingrid Umgelter, geb. Lipowsky Fritz Umgelter (1922-1981) ist einer der wichtigsten und produktivsten deutschen Filmemacher der Nachkriegszeit. 1956 heiratet er Ingrid Lipowsky aus Kulmbach. Lipowsky machte 1952 Abitur am heutigen Caspar-Vischer-Gymnasium in Kulmbach und studierte danach Theaterwissenschaft und Journalismus in München, wo sie ihren Mann kennenlernte. Als Drehbuchschreiberin und Regieassistenten unterstützt sie dessen Arbeit. Fritz Umgelter gilt als Virtuose literarischer Fernsehfilme, doch auch in mehreren "Tatort"-Folgen führt er Regie. Bis zu seinem Tod 1981 arbeitet er an der ZDF-Reihe "Das Traumschiff" mit Heinz Weiss - dem Clemens Forell in "Soweit die Füße tragen" - in der Rolle des Kapitäns.

Filmhandlung Das grandiose Fluchtdrama über den Weg des Kriegsgefangenen Clemens Forell aus einem sibirischen Arbeitslager in seine Heimat nach Deutschland wurde 1959 zum ersten Blockbuster des Deutschen Fernsehens. Bei der Ausstrahlung des Sechsteilers zwischen Februar und April sind über 95 Prozent der Fernsehgeräte eingeschaltet. Umgelter, unterstützt von seiner Frau, entschärft manche ideologische Klischees des 1955 erschienenen Romans von Josef Martin Bauer, der als Vorlage diente. Auch die 14 208 Kilometer auf der Flucht erhalten einen anderen Drive: Umgelter ist nicht nur am Überlebenskampf Clemens Forells interessiert, sondern möchte vor allem die Veränderung seiner Persönlichkeit bis zur Unkenntlichkeit zeigen.