Wenn die Mainleuser Tierärztin Christine Kammerer von Beißattacken zwischen Hunden liest oder von wildernden Vierbeinern, kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Denn fast nie können die Hunde etwas dafür, sondern fast immer die Menschen. "Für ein Auto, für ein Mofa - für alles braucht man einen Führerschein, nur für den Hund nicht", moniert sie. Leinenzwang, Verbote oder ausgewiesene Hundeplätze seien keine Allheilmittel, sondern der richtige Umgang und das Verständnis für das Tier. Christine Kammerer bietet aktuell wieder einen neuen Kurs zum Hundeführerschein an. Sie ist damit eine von rund 40 qualifizierten Hundeführerschein-Ausbilderinnen in Deutschland.

Angebot nur von Tierärzten

Der Kurs wird nur von Tierärzten gegeben und hat mit anderen Angeboten von Hundeschulen nichts gemein. Er ist als Sachkundenachweis anerkannt.
Zehn Anmeldungen aus dem Landkreis Kulmbach liegen Christine Kammerer bereits vor. Die Frist endet am 6. März, Kursbeginn ist am 13. März. Donnerstags zwischen 18 und 19.30 Uhr finden die Schulungen in der Johanniterhilfe in Kulmbach (beim Globus-Markt) statt.

"Es gibt Menschen, die mit Hunden nichts anfangen können. Das muss man respektieren. Aber es gibt auch rücksichtslose Hundehalter, und das sorgt dann immer für Ärger", sagt die Tierärztin und spricht in diesem Zusammenhang offen das Thema "Hinterlassenschaften" an. Sie hat selbst einen schwarzen Pudel. "Klaus" ist verspielt und verschmust, aber er kennt die Grundkommandos und lässt sich abrufen. Sogar Männchen macht er.

Aber die Tierärztin weiß: "Klaus würde auch jagen, wenn ich ihn lassen würde. In Phase eins, wenn er noch schnüffelt, ist er abrufbar. In Phase zwei, wenn er eine Spur hat und hetzen will, aber nicht mehr." Deshalb dürfe es gar nicht erst so weit kommen, dass der Hund in Phase zwei und drei kommt. "Man muss seine Körpersprache erkennen und deuten können. Dann kann man viele Situationen vermeiden", sagt die Expertin.

"Klaus" wird derzeit mit einem Sprühhalsband "hasensicher" gemacht. Das bedeutet: Immer wenn er eine Spur hat, wird ein Sprühstoß per Fernbedienung ausgelöst - der Hund ist für einen Moment irritiert und lässt sich wieder zurückrufen.

Sollte es bei der Begegnung von Hunden den Anschein haben, dass sie aneinander geraten, empfiehlt Kammerer, sich vor seinen Vierbeiner zu stellen und den anderen abzuwehren. "Der Hund will immer zu dem anderen Hund, für den Menschen interessiert er sich nicht."

Auch für Besitzer kleiner Hunde wäre nach Ansicht der Tierärztin ein Führerschein wichtig. "Vom Rehpinscher bis zur Dogge - jeder sollte einen Sachkundenachweis haben", so Kammerer, die aus Erfahrung weiß, dass auch kleine Hunde oft den "Herkules" spielen.

Welcher Hund passt zu mir?

"Ideal wäre es, wenn sich schon Menschen, die erst einen Hund anschaffen wollen, zum Führerschein anmelden würden. Denn dann kann man auch Ratschläge zur richtigen Rasse geben", sagt die Tierärztin. Immer wieder erlebt sie, dass Mode-Hunde gekauft werden, die nicht zur Familie passen.

Nach den Beißattacken in Stadtsteinach ist dort übrigens Leinenzwang ein Thema, das der Stadtrat demnächst behandelt. Zudem haben Hundebesitzer speziell gegen die beißenden Hunde Leinenzwang und Maulkorbzwang beantragt. "Wir haben schon eine schriftliche Stellungnahme abgegeben und das Ordnungsamt, das Veterinäramt und die Stadt informiert. Jetzt müssen wir erst einmal abwarten", sagt Conny Lorenz, dessen Hund schwer verletzt wurde.

In Zukunft, wünscht sie, sollte es in Stadtsteinach einen "runden Tisch" für Hundebesitzer geben.


Die Profis nehmen ihre Hunde in der Stadt an die Leine

Was sagen die Profis zum Thema Hundeführerschein und Leinenzwang? Unsere Redaktion hat den Besitzer einer Hundeschule und drei Vereinsvertreterinnen befragt.

Vorsitzende Sabine Lauterbach kann seitens des Hundesportvereins Stadtsteinach zwar keinen echten Hundeführerschein anbieten, jedoch Begleithundeprüfungen über den VDH. "Hunde brauchen ihren Auslauf. Deshalb bin ich auch nicht für einen generellen Leinenzwang, aber es ist selbstverständlich, dass ich meine Hunde in der Stadt an der Leine führe, auch wenn sie erzogen sind." In der Flur, so Lauterbach, sollte man seine Hunde aber schon frei laufen lassen können."

Christine Ströhlein
vom Verein "Hundepower auf 4 Pfoten" in Neuenmarkt hält Leinenzwang in der Stadt auf jeden Fall vertretbar. "Denn viele Leute unterschätzen ihren Hund. Aber sonst sollte es schon Auslaufmöglichkeiten geben." Ströhlein hält ihre Vierbeiner dort, "wo viel Verkehr ist", immer an der Leine. Schade findet sie es, wenn Beißvorfälle für Verbote sorgen. Im Gegensatz zur Schweiz gebe es in Bayern generell noch keine Führerscheinpflicht für Hunde. "Aber die, die es betreffen würde, erreicht man leider mit freiwilligen Angeboten nicht. Das ist auch bei den Begleithundeprüfungen so", sagt Ströhlein.

Hans Ruckdeschel
, Leiter der gleichnamigen Hundeschule in Neudrossenfeld, hat eine Schäferhündin. Auch für ihn ist es selbstverständlich, sie in der Stadt immer an die Leine zu nehmen. Leinenzwang in der Stadt sei in Ordnung, aber die Kommunen müssten halt auch Flächen ausweisen, wo man die Tiere laufen lassen könne: "Das ist ganz wichtig für den Aggressionsabbau. Man muss aber auch darauf achten, dass Hunde abrufbereit sind. Manche jagen, die kann man dann auch draußen nicht laufen lasen", sagt Ruckdeschel. Generell findet er den Hundeführerschein richtig und wichtig, allerdings würde sich der Rettungshundeausbilder und Trainer wünschen, dass auch die Hundeschulen mit ins Boot genommen werden.

Marlies Hacker
vom Hundesportverein Tierfreunde Stadtsteinach in der alten Papierfabrik lehnt persönlich eine generelle Leinenpflicht ab, denn dies ändere an den eigentlichen Problemen nichts. "Ich finde man müsste woanders ansetzen. Man sollte verpflichtend einen Sachkundenachweis für alle Hundehalter einführen, also einen Hundeführerschein oder eine Begleithundeprüfung. Da geht es um Gehorsam und Sozialisierung", sagt sie. Es sei auch immens wichtig, dass sich jeder schon im Vorfeld Gedanken macht, ob der Hund, den er sich anschaffen möchte, wirklich zu ihm passt. "Man kann einen Husky eben nicht in einer Zweizimmerwohnung halten."