Er klagt nicht und beschwert sich nicht. Dabei hätte Matthias Kerner allen Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Denn immer wieder wird seine Familie von schlimmen Schicksalsschlägen gebeutelt. Vor neun Jahren, als Mutter Diana mit Anica schwanger war, schien das Glück perfekt: Nach einem mittlerweile erwachsenen Sohn freuten sich die Eltern auf ein Mädchen. Die Schwangerschaft verlief gut. Alles prima.

Dann kam Anica zur Welt. Ein liebes Mädchen, ein echter Sonnenschein. Aber nach vielen Untersuchungen stellte sich heraus, dass in der Frühschwangerschaft Anicas Gehirn nicht richtig ausgebildet wurde. Das bedeutet: Das Mädchen, das inzwischen neun Jahre alt ist, wird niemals laufen, sitzen oder gar sprechen können. Man hat festgestellt, dass sie wohl sehen kann, aber ihr Gehirn kann das, was sie sieht, nicht verarbeiten. Selbst Kleinigkeiten, die schon Babys bald lernen, sind für Anica unmöglich.
"Sie wird immer auf Pflege angewiesen sein. Aber wir sind in die Situation reingewachsen", erklärt Papa Matthias Kerner.

Wenn man ihn fragt, was für ihn der größte Wunsch wäre, sagt er: "Wenn Anica aus ihrem Stuhl aufstehen würde, lachen und sprechen könnte und Fußball spielen würde." Sie dürfte ruhig ein bisschen frech sein. Matthias Kerner würde das gern akzeptieren.

Nichts ist selbstverständlich

Doch all das wird nie passieren. Denn obwohl Anica Fortschritte macht, kann sie nicht einmal selbst greifen. "Sie nimmt den Finger, wenn man ihn ihr in die Hand drückt, aber nach Dingen greift sie nicht", erzählt der Familienvater. Nichts ist selbstverständlich: Jede Bewegung, Essen, Stuhlgang - jedes kleine Detail muss überwacht werden. Aber es gibt auch Fortschritte: "Sie kann sich jetzt von der Bauch- in die Rückenlage drehen", sagt der Vater.

Matthias Kerner hatte sich die Pflege bislang mit seiner Frau Diana geteilt. Während er als Automechaniker den Unterhalt verdiente, kümmerte sich die Mutter tagsüber um Anica. Doch jetzt ist auch sie schwer erkrankt. Papa Matthias übernimmt die Doppelbelastung. Er steht morgens um 5 Uhr auf, macht das Frühstück, zieht Anica an. "Das dauert natürlich alles ein bisschen länger als bei anderen Familien", erzählt er. Dann wird Anica abgeholt, denn sie besucht die Förderschule. Nachmittags wird sie nach Hause gebracht. Nach der Arbeit ist für Matthias Kerner nicht Feierabend: Er macht das Abendessen, füttert seine Tochter, kümmert sich um sie. Und auch nachts ist er immer mit einem Ohr bei dem schwerbehinderten Mädchen.

Kerners möchten ins Konzert

Das Schicksal der Familie berührte die Sänger des Main-Line-Gospelchors aus Schwarzach, der ihr seine Konzerteinnahmen in Höhe von 1000 Euro spendete. Matthias Kerner freut sich darüber riesig. Das Geld wird für Anica verwendet. Zur Therapie, für Anschaffungen. "Ich bin erstaunt, denn wir haben noch nie eine Forderung gestellt oder sind betteln gegangen", sagt Kerner. "Wir haben für diese Familie gespendet, weil sie einfach die Richtigen sind", sagt Doris Wolf vom Main-Line-Gospelchor.

"Wir haben den Chor noch nie gehört", bedauert Papa Matthias Kerner. Aber in Kirchen kommt er mit dem Spezialrollstuhl seiner Tochter nur schwer hinein. "Beim nächsten Konzert in der Stadthalle sind wir dabei", verspricht Matthias Kerner auch im Namen seiner Tochter. Die Main-Line-Gospel-Singers spenden seit fünf Jahren regelmäßig den Ertrag ihrer Konzerte für wohltätige Zwecke.