"Augsburg, 21. Februar 1902. Die Hinrichtung Kneißl erfolgte heute früh 7 Uhr. Der ganze Vorgang war in eineinhalb Minuten vorüber. Kneißl benahm sich gefasst. Es herrschte trübes Frostwetter." Die kurze Meldung bringen die "Kulmbacher Nachrichten" am nächsten Tag. Über die Reaktion der Bevölkerung findet man in der Zeitung auch an den folgenden Tagen nichts.

Sympathiebekundungen in Kulmbach

Max Hundt aber stellt in seiner Chronik der Stadt Kulmbach unverblümt fest: "Die Hinrichtung des bekannten Räubers Kneißl, der zum Volkshelden geworden war, löste auch in Kulmbach Sympathiekundgebungen aus."

Mathias Kneißl ist der Mann der kleinen Leute. Seine Schläue und Gewitztheit, mit der er die Obrigkeit lange Zeit vorführt, spricht sie an. Bei vielen Arbeitern, Handwerkern, Kleinbauern, Tagelöhnen brodelt die Unzufriedenheit über ihre soziale Lage und die Benachteiligung durch das Zensuswahlsystem.

Sie wird verschärft durch eine schwere Wirtschaftskrise um die Jahrhundertwende. Die Kulmbacher bekommen sie durch Umsatzeinbußen der Brauereien und Lohnkämpfe der Brauer und Mälzer zu spüren. In der 9000-Einwohner-Stadt leben Hunderte von armen und verwaisten Kindern, die nur durch die vielen Stiftungen und Wohlfahrtsvereine einigermaßen aufgefangen werden.

Stets aktuell berichtet

Es gibt einen weiteren Grund, warum die Kulmbacher den Schwurgerichtsprozess vom 14. bis 19. November 1901 in Augsburg gebannt verfolgen: Mathias Kneißl, der sich wegen zweier Mordtaten, versuchten Totschlags, schweren Raubes und räuberischer Erpressung zu verantworten hat, wird von dem früheren Oberbürgermeister Walter von Pannwitz verteidigt. Nach seinem Abgang aus Kulmbach 1891 avancierte er zum prominentesten Strafverteidiger Bayerns.

Wegen der Brisanz schicken die "Kulmbacher Nachrichten" einen eigenen Berichterstatter nach Augsburg. Täglich telegrafiert er ausführliche Reportagen an die Redaktion. Zum Auftakt erfährt der Leser von den Menschenmassen, die den Weg vom Gefängnis zum Justizpalast säumen und sich auf dem Vorplatz drängen. Als am fünften Verhandlungstag abends das Urteil fällt, greift der Reporter sofort zum Telefon, damit der Spruch der zwölf Geschworenen noch rechtzeitig für den nächsten Tag in Satz gehen kann: "Gerichtshof verurteilte Kneißl zum Tode".

Im Teufelskreis gefangen

Aus Sicht der heutigen Kriminalistik ist Kneißl ein Fall schwerer Milieuschädigung und unterbliebener Resozialisierung. Von Kindesbeinen an geriet er in den Teufelskreis von Armut, Beschaffungskriminalität, sozialer Ächtung und Gewalt. Die Eltern versuchten zunächst mit einem Gasthof in Unterweikertshofen im Dachauer Hinterland, später mit der Schachermühle bei Sulzemoos über die Runden zu kommen, doch die Einnahmen reichten nicht aus.

Die "Kneißl-Buben" wurden vom Pfarrer und Lehrer als Gesockse behandelt. Mathias war 17, als die Mutter wegen des Raubs von Kirchensilber in der Wallfahrtskirche Herrgottsruh für drei Monate ins Gefängnis musste. Zur gleichen Zeit kam sein Vater auf der Flucht vor der Polizei im Mühlbach um. Kneißl beging mit Bruder Alois Einbruchsdiebstähle und Wilderei, die ihm sechs Jahre Zuchthaus einbrachten.

Bewaffnete Raubzüge

Sein Versuch, nach seiner Entlassung 1899 in Nußdorf das Schreinerhandwerk zu erlernen, scheiterte. Von den Mit-Gesellen wurde er als "Zuchthäusler" abgestempelt, von der örtlichen Polizei bespitzelt. Obwohl ihn sein Meister als "fleißig und geschickt" lobte, sah er sich gezwungen, ihn nach sieben Monaten zu entlassen. Die Folge: eine Serie weiterer bewaffneter Raubzüge.

Im November 1900 kommt es bei Irchenbrunn zu einem folgenreichen Zwischenfall. Kneißl schoss aus seinem Versteck, einem Bauernhof, wild um sich. Ein Polizist verblutete an der Haustür, ein anderer starb nach einer Beinamputation im Krankenhaus.

Der "verruchte Doppelmörder" ist von da an der meistgesuchte Kriminelle des Königreichs. Doch obwohl die Staatsgewalt Hunderte Polizisten auf seine Spur setzt und 1000 Mark Belohnung ausschreibt, bleibt er monatelang unentdeckt, da die Landbevölkerung ihm Unterschlupf gewährt. Erst am 5. März 1901 fliegt sein Versteck im Auermacheranwesen bei Egenhofen auf - seine eigene, in bitterer Armut lebende Cousine hat ihn wegen des Lösegelds verraten. 150 Mann werden zusammengezogen, die das Gehöft unter Dauerbeschuss nehmen.

Der 25-Jährige wird durch Treffer im Bauch, Oberarm und Handgelenk schwer verletzt und in der Chirurgischen Klinik München notoperiert. Leidlich zusammengeflickt, kann acht Monate später der Mordprozess mit einem Riesenaufgebot von 122 Zeugen eröffnet werden.

Kampf um Kneißls Kopf

In der aufgeheizten Atmosphäre und unter dem Erwartungsdruck der Obrigkeit erweist sich von Pannwitz als exzellenter Strafverteidiger. Er versucht den Mord-Vorwurf zu entkräften, indem er - wie der Angeklagte selbst auch immer wieder - die Tötungsabsicht gegenüber den Gendarmen Brandmaier und Schneidler verneint. Für ihn ist es schwere Körperverletzung mit Todesfolge, also Totschlag. Kneißl bliebe damit das Schafott erspart, er käme mit 15 Jahren Zuchthaus davon.

Um sein im Kern intaktes moralisches Gewissen zu beweisen, lässt der Starfverteidiger einen Brief Kneißls von 1895 verlesen, in dem der Polizisten als "Menschen und Familienväter wie du und ich" beschreibt. Sozialromantik liegt dem kühl argumentierenden von Pannwitz fern. Keineswegs möchte er den Angeklagten zu einem bayerischen Robin Hood verklären. Im Gegenteil: Er mokiert sich über die "verrückten Frauenzimmer, die ihm noch ins Gefängnis die schwärmerischsten Liebesbriefe geschrieben haben".

Gnadengesuch angelehnt

Die zwölf Geschworenen, allesamt gut situierte Bürger, erreicht er nicht. Sie folgen dem Plädoyer des Staatsanwalts: "Kneißl muss aus der menschlichen Gesellschaft ausgemerzt werden." Nach dem Todesurteil versucht Pannwitz eine Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Reichsgericht Leipzig zu erwirken. Ohne Erfolg.

Daraufhin wendet er sich mit einem Gnadengesuch an Prinzregent Luitpold, wie auch der Vorsitzende Richter, Anton Rebholz, und zahlreiche Bürger. Der Prinzregent, oft von königstreuen Historikern zum gütigen Senior und Landesvater stilisiert, weist das Ersuchen schroff zurück. Nur Stunden später lässt Scharfrichter Franz Xaver Reichhart im Hof des Augsburger Gefängnisses das Fallbeil sausen.