Emily Hübner besucht die sechste Klasse der Carl-von-Linde-Realschule. Die Eltern der Elfjährigen nehmen zurzeit die Notbetreuung in Anspruch. Vor Emiliy liegt das Mathematikbuch "Pythagoras". Das Mädchen schreibt auf einen Block und tippt in das Tablet. "Naja, normalerweise ist Mathematik nicht mein bestes Fach. Aber beim digitalen Unterricht verstehe ich alles viel besser", sagt es und lacht.

Wie an der Tafel

Emily Hübner gehört zu den Schülern, die den Distanzunterricht lieben. Die Realschule verwendet das Programm Teams, mit dem Unterricht fast wie im Klassenzimmer möglich ist.

Die Lehrer folgen dem Stundenplan. Los geht es mit einer Live-Videokonferenz. Die Pädagogen erklären, zeigen Versuche, verteilen Aufgaben. Sie können - wie an der Tafel - die Hausaufgaben verbessern und einfach mit einem Stift auf dem Bildschirm schreiben. Die Schüler heben nicht den Finger, sondern melden sich virtuell.

Live oder im Chat

Im Präsenzunterricht wird immer ein Schüler für den jeweiligen Unterrichtsbeitrag ausgewählt. Im Distanzunterricht können alle individuell berücksichtigt werden - live oder im Chat. "Ich habe keine Angst, dass ich etwas verpasse. Die Lehrer erklären gut und ich kann besser nachfragen", sagt Emily.

"Ich finde den digitalen Unterricht auch gut, manches verstehe ich vielleicht sogar besser. Blöd ist nur, dass die Lehrer jetzt keine Noten machen können und ich mich so nicht verbessern kann", fügt Leonora Thomas hinzu, die ebenfalls die sechste Klasse der Realschule besucht. "Der Unterricht von 7.55 bis 15.30 ist eigentlich ganz normal", sagt Leonora.

Und auch Milena Rennert, die ebenfalls in der Notbetreuung ist, hat keine Angst, dass sie zu einer "verlorenen Schülergeneration" gehören wird oder Stoff verpasst. "Man muss sich nicht mit Bild zeigen, wenn man nicht möchte. Aber man bekommt immer eine Rückmeldung, wenn man die Aufgaben abgibt. Das ist gut", findet die Elfjährige die neue Unterrichtsform gar nicht so schlecht. Nur wenn es Probleme mit der Internetverbindung gebe, verpasse man etwas.

Sogar Gruppenarbeit möglich

Die Leiterin der Realschule, Monika Hild, freut sich über die gute Bewertung des Online-Unterrichts. "Im Vergleich zum ersten Lockdown, als alle überrascht waren, hat der Unterricht jetzt eine klare Struktur. Die Schüler lernen systematisch - genau nach Stundenplan", erklärt sie. "Die Software Teams ermöglicht uns vieles. Sogar Gruppenarbeit, die so in der Präsenzphase nicht möglich war, können wir machen."

Physiklehrer Matthias Höhn präsentiert live Versuche und verschickt sie auch per Video. "Das ist für den Lehrer natürlich Mehraufwand, weil er die Videos machen muss. Aber die Schüler bekommen den Service, dass sie für die Prüfungen alle Versuche noch einmal anschauen können. Das hatten die früheren Schülergenerationen nicht", so Höhn. Er hat einen Laptop und sein privates Handy im Einsatz. "Die Schüler sehen nicht die ganze Zeit nur mich, sondern der Unterricht in digitaler Form ist abwechslungsreich."

Das selbe Unterrichtsmodell hat das berufliche Schulzentrum im Einsatz. "Für mich ist die Digitalisierung kein Trend, der vorübergeht oder ein Übel, das wir wegen der Pandemie durchführen müssen", betont Leiter Alexander Battistella. "Im März waren alle überrascht. Viele Prozesse liefen noch nicht rund. Das ist jetzt anders - in den Klassenzimmern hat sich ein Quantensprung vollzogen." Für Schüler, die computertechnisch nicht gut ausgestattet sind, stünden 75 Tablets der neuesten Generation zur Verfügung.

Vorbereitung auf die digitale Welt

"Auch nach der Pandemie möchten wir die Schüler auf die digitale Welt vorbereiten. Vor diesem Hintergrund haben wir keine Übergangslösungen gesucht, sondern haben Teams ausgewählt, weil diese Plattform in vielen Betrieben und an Hochschulen eingesetzt wird", so Battistella. Das Anlegen von Konten für fast 2300 Schüler sei natürlich ein riesiger Aufwand gewesen und habe Zeit gekostet. Doch alle Schüler seien mittlerweile im System und könnten die Werkzeuge nutzen - auch mit dem Smartphone.

Der Leiter der Fachoberschule, Betram Unger, hat unter den Schülern eine Umfrage durchgeführt. Mehr als die Hälfte geben dem Digitalunterricht die Noten eins oder zwei. "Der Unterricht hat sich sehr verändert. In fast allen Fächern wird genau nach Stundenplan gelehrt. Und natürlich besteht auch Anwesenheitspflicht", erklärt er. Nahezu alle Lehrkräfte hätten sich in Inhouse-Fortbildungen und bei Kursen qualifiziert.

Auch viele Eltern sind zufrieden

Auch viele Eltern, die Einblick ins Homeschooling 2.0 haben, sind zufrieden. "Ich bin richtig froh, dass meine beiden Kinder zu Hause sind und jetzt von hier aus die Möglichkeit haben zu lernen", sagt Sabine Förtsch-Hartmann, Mutter zweier Kinder und Elternbeirätin an der FOS. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es für die Schüler wesentlich angenehmer ist, daheim zu lernen, als täglich von 8 bis 15 Uhr die Maske zu tragen. Ihre beiden Kinder nutzten verschiedene Räume. "Und zwischendurch stelle ich ihnen immer mal einen Tee hin. Das ist auch schön", sagt Förtsch-Hartmann.

Natürlich fehlten die soziale Komponente und das Miteinander. "Aber in der jetzigen Situation ist das Homeschooling die beste Alternative", sagt Förtsch-Hartmann und betont, dass sie kein Problem mit dem zweiten Lockdown hat. Auch ihr Mann Tino Hartmann zeigt sich aufgeschlossen gegenüber der neuen Unterrichtsform: "Die Schüler lernen den Umgang mit Medien jetzt verstärkt. Das ist auch wichtig. Für mich kommt es darauf an, dass sie alles kritisch beleuchten können", sagt der Vater.

Fast nichts ist unmöglich. An der FOS macht Ferdinand Ramsauer fachpraktischen Unterricht aus dem Elektroniklabor. Die Schüler gestalten dreidimensionale Umhüllungen für eine Oszilloskop. "Und ich bin dann das Werkzeug und drucke es auf dem 3D-Drucker aus", sagt Ramsauer.