"Es handelt sich um ein Tendenzstück zugunsten der Friedenidee. Was von diesen Träumereien zu halten ist, das wissen die Leser unserer Zeitung. Wir sind der Meinung, daß unserem Volke eine Kunst, welche die nationale Männlichkeit lehrt, höher zu schätzen ist, als eine, die sich in den Dienst der weibischen Weltfriedensidee stellt." So rasselt die Bayerische Rundschau am 11. November 1910 kräftig mit dem Säbel. Ihre Kritik gilt einem Stück, das zweimal in Kulmbach aufgeführt wird: "Die Waffen nieder!" nach Bertha von Suttner. Die Österreicherin ist für ihren Roman als erste Frau 1905 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

Das Stück beschreibt die Lebensgeschichte Martha von Tillings, deren Mann und Sohn auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts krepieren.
"Fragt das Volk mal", so klagt sie an, "ob es den Krieg will! Nicht die Minister, die ihn heraufbeschworen, nicht die Offiziere, die sich nach einem Orden sehnen. Das Volk mußt ihr fragen!" Sätze wie diese werden im Vereinshaus mit stürmischem Beifall aufgenommen.

Eine lebendige Stadt

Man könnte den Wirbel um das Stück vergessen, wenn er nicht die Tendenzen markierte, die sich bis zum Ausbruch des Krieges in den Kulmbacher Lokalzeitungen niederschlagen: martialisch-nationalistisches Gedöns und Kriegsskepsis. Nach der Marokko-Krise (1911) und den Balkan-Kriegen (1912/13) steigt die Gefahr eines Flächenbrandes, doch das öffentliche Leben wird keineswegs erstickt. Im Gegenteil: Kulmbach ist in den Vorkriegsjahren als lebendige Stadt mit üppigem Vereinsleben, mit Festen, Konzerten, Theater-Programm.
Die Zeitungen sind in dieser Zeit voll mit Inseraten. In diesen Pluralismus hinein tönen die Stimmen der Politiker, die immer schriller werden.

Die Skeptiker

In Kulmbach sind es, wie auch landesweit, die Freisinnigen und Sozialdemokraten, die einer Hochrüstungspolitik kritisch gegenüber stehen.

Ihre Anhänger hat die SPD besonders unter der Arbeiterschaft der Textilbetriebe (Kulmbacher Spinnerei: seit 1913 über 1000 Beschäftigte) Brauereien und Mälzereien. Am 1. April 1913 melden die Zeitungen, dass viele einfache Leute über ihre Belastung erschrocken sind, als die genauen Zahlen der "Wehrvorlage" bekannt werden: Die Erhöhung der Friedensstärke auf 661.000 Mann bedeutet 1,1 Milliarden Mark Mehrausgaben. Für die Kleinstadt Kulmbach (10.952 Einwohner) heißt dies eine Mehrbelastung von 300 000 Mark, die die zirka 3000 Steuerpflichtigen zu schultern haben.

Die Skepsis ist groß

Die Kriegs-Skepsis erkennt man auch an anderer Stelle. Für den 8. Mai 1914 wird einer der prominentesten Kläger der kaiserlichen Rüstungspolitik eingeladen: Ernst Müller-Meiningen von der Freisinnigen Volkspartei.
Im Vereinshaus attackiert er unter Beifall die Missachtung des Reichstags und die Allmacht des Militärkabinetts. Er kritisiert die Privilegien des Adels und das elitäre Gehabe des Offizierskorps. Besonders heftig geht er mit den "chauvinistische Treibereien des Wehrvereins" ins Gericht.

Militarismus

Es sind gdiese "patriotischen" Vereine - Wehrkraftverein, Veteranenverein, Flottenverein, Freie Turner -, die neben den Deutschnationalen den Militarismus kräftig ins Kraut schießen lassen.
Vor allem 1913, dem Erinnerungsjahr der Befreiungskriege und der Völkerschlacht bei Leipzig, folgt eine "nationale Feier" der anderen. Besonders vergöttert wird Otto von Bismarck - der Reichskanzler, der Frankreich besiegt und das Reich mit Eisen und Blut zusammengeschweißt hat. Man startet eine Spendenkampagne, um ihm zu Ehren in Kulmbach ein Turm zu errichten.

Nach dem Attentat

Nach dem Attentat auf Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo, mehr noch nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien und der russischen Mobilmachung (30. Juli) ändert sich das Bild der Zeitungen: Alarm-Meldungen, Fettdruck-Telegramme, plakatartige Einberufungsaufrufe. Die Historiker sind sich sicher: Die Berichterstattung gerät zunehmend zur Kriegspropaganda, gesteuert vom Großen Generalstab in Berlin.

Der kollektive Rausch?

Der Kriegstaumel am 1. August nach der Kriegserklärung an Russland, der kollektive Rausch - hat er wirklich stattgefunden? Heute sieht man das klarer: Euphorisch begrüßt wird der Kriegsausbruch in den bürgerlichen Mittelschichten und bei den Jungen, nicht bei den Frauen, den Arbeitern, den Bauern, deren Höfe verweisen und Pferde requiriert werden.
Unter diese Einschränkung muss man dann auch die Abläufe in Kulmbach stellen. Geschildert wird der Kriegsausbruch als Fest: eine jubelnden Menschenmenge, die am 31. Juli mit Trommeln, Gesängen, Hurra-Rufen durch die Stadt zieht.
In einer Ansprache verliest der Kulmbacher Bürgermeister Wilhelm Flessa von der Rathaustreppe aus das deutsche Ultimatum an Russland. Danach ist ein lautes, dreifaches Hoch auf den Kaiser und Kriegsherrn zu hören, zum Abschluss: "Deutschland, Deutschland über alles".
Am Tag darauf ergeht der allgemeine Mobilmachungsbefehl. Die Kulmbacher Wehrpflichtigen sind beim Bezirkskommando Bayreuth erfasst. Die Einjährig-Freiwilligen und die Reservisten leisten überwiegend beim 7. Inf.-Reg. in Bayreuth, dem 19. Inf.-Reg. in Erlangen und dem 21. Inf. Reg. in Fürth Dienst.

Der Transport in den Westen

In Grafenwöhr und Germersheim erfolgt die Zusammenstellung für den Transport in den Westen. Am Kulmbacher Bahnhof heißt es für viele Abschiednehmen.
Für jeden Achten aus Kulmbach ist es ein Abschied für immer. Die Bayerische Rundschau berichtet unter der Rubrik "Ernste Stunden" täglich von schmerzlichen Trennungsszenen. Doch man sieht sich in der Pflicht: Man glaubt das Vaterland in Gefahr. Man glaubt der Einkreisungs-Propaganda. Und man glaubt an einen raschen Sieg.

Bestürzung

Dass am 4. August überraschend England in den Krieg eintritt, löst auch bei vielen Kulmbachern Bestürzung aus. Hinter den dreisten Parolen, die auf die abfahrenden Eisenbahnwaggons geschmiert werden, dürfte sich oft nur eines verbergen: Angst vor dem Kommenden.