Haarscharf am Gefängnis vorbeigeschrammt ist ein junger Mann aus Mainleus. Er hatte zusammen mit seiner Freundin auf dem Parkplatz eines Verbrauchermarktes zwei Pullover und drei Hosen von einem Altkleidercontainer entwendet und wurde deshalb wegen Diebstahls verurteilt.

Wenn die Staatsanwaltschaft deshalb eine Gefängnisstrafe beantragte, dann deshalb, weil der Hartz-IV-Empfänger zahlreiche Vorstrafen, einige davon einschlägig, also auch wegen Diebstahls, und weil er gleich zwei offene Bewährungen hatte. Richterin Sieglinde Tettmann ließ es aber dann doch nicht so weit kommen und urteilte auf eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu jeweils zehn Euro. Seine Freundin, die ihm dabei half, die Kleidungsstücke zu nehmen, kam mit 60 Tagessätzen zu jeweils zehn Euro davon.

Dabei ließ sich nicht einmal mehr klären, ob die Altkleider wirklich aus dem Container gezogen wurden oder nur davor lagen. Die beiden Angeklagten sagten aus, dass die Sachen in Plastiktüten vor und neben dem Container gelegen hätten. Ein Paketdienstfahrer und Pizza-Auslieferer, der die beiden beobachtet und bei der Polizei gemeldet hatte, wollte gesehen haben, wie die beiden die Kleidungsstücke aus dem Container fischten.

Angeklagter in einer Notlage

Hintergrund der Tat war, dass der Angeklagte erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde und nichts zum Anziehen hatte. Er besaß auch kein Geld, so dass der Altkleidercontainer die einzige Chance war, an etwas zum Anziehen zu kommen.

"Er hatte keine Klamotten, was hätten wir machen sollen?", fragte seine Freundin. Das Zeug sei auch schon recht abgetragen gewesen und hätte bereits kleine Löcher gehabt, sagte der Angeklagte. Also suchten sie sich einige Sachen aus und verstauten sie in einer mitgebrachten Stofftasche. Keinesfalls aber hätten die Altkleider einen Wert von 60 Euro gehabt, wie es noch in der Anklage stand und wie es der Betreiber der Sammelfirma angegeben hatte. Am Ende einigte man sich auf zehn Euro.

Nicht einmal die Polizei hatte sich im Zuge der Ermittlungen die Mühe gemacht, die Wohnung des Paares zu durchsuchen. "Aufgrund der Verhältnismäßigkeit hätte eine Wohnungsdurchsuchung keinen Sinn gemacht", sagte der ermittelnde Polizist. "Außerdem hätten wir ja gar nicht gewusst, wonach wir suchen sollen."

Wenn die Strafe am Ende doch relativ hoch ausfiel, dann wegen des Vorlebens der beiden: Der Angeklagte brachte es auf sechs, seine Freundin auf drei Vorstrafen. Erst am 2. März war der Mann aus dem Gefängnis entlassen worden, der Altkleiderdiebstahl wird auf den 29. April datiert. Die Rückfallgeschwindigkeit sei damit schon enorm, waren sich Staatsanwaltschaft und Gericht einig. Der Angeklagte musste zuletzt einsitzen, weil er mit einer fremden EC-Karte fast 2500 Euro ergaunert hatte.

Die Plädoyers

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hatte wegen der drei Hosen und zwei Pullover eine Gefängnisstrafe von drei Monaten ohne Bewährung gefordert. Ob die Kleidungsstücke dabei wirklich aus dem Container gefischt wurden oder nur davor lagen, spiele dabei keine Rolle.

Verteidiger Andreas Piel plädierte dagegen auf 50 Tagessätze zu jeweils zehn Euro.

Für Richterin Tettmann ging das Motiv für den Altkleiderdiebstahl in Richtung Notlage, weil der Angeklagte weder Kleidung noch Geld besaß. Sie stufte die letztlich ausgesprochene Geldstrafe von 900 Euro dennoch als notwendig ein, weil der Mann zwei offene Bewährungen hatte. Die Freundin des Mannes kam mit 600 Euro davon, denn die ausgewählten Klamotten waren ausnahmslos Kleidungsstücke für Herren.