Die Nacht von Karfreitag auf Karsamstag war kalt in diesem Jahr - vor allem für den 21-jährigen Julian, der diese Nacht auf einer Parkbank in Bayreuth verbracht hat. Jetzt möchte er sich bei dem unbekannten Mann bedanken, der ihn nach 28 Stunden im Freien angesprochen und damit vor ernsten gesundheitlichen Schäden bewahrt hat.
Julian wohnt in einem Haus der Himmelkroner Dienste für Menschen mit Behinderung. An Ostern wollte er mit dem Zug zu seinen Eltern nach Hof fahren, wie er es seit Jahren tut. Von Himmelkron ging es mit dem Kleinbus zum Bahnhof in Neuenmarkt. Dort nahm das Schicksal seinen Lauf, denn in Neuenmarkt wird der Zug geteilt: Der vordere Teil fährt nach Hof, der hintere nach Bayreuth.
Julian landete versehentlich in dem Triebwagen, der nach Bayreuth fuhr.

Orientierungslos in fremder Stadt

Als er auf der digitalen Anzeige im Wagen den falschen Zielort las, war es schon zu spät, der Zug war abgefahren. Als Fahrkarte hat er einen Ausweis, der für eine Reihe von Strecken gilt - auch nach Bayreuth. Deshalb fiel dem Schaffner bei der Kontrolle nichts auf. Wegen seiner Behinderung ist es für Julian fast unmöglich, bei einem Problem andere Menschen anzusprechen. So blieb er im Zug bis zur Endstation. Vom Bayreuther Bahnhof aus folgte er dem Weg, der für ihn am klarsten erkennbar schien. In der fremden Stadt lief er die Bahnhofstraße hinunter bis zum Annecy-Platz. Auf dem großen Verkehrsknotenpunkt gab es dann keinen deutlich sichtbaren Weg mehr, so dass Julian sich auf eine Bank setzte. Er begann darauf zu warten, dass ihn jemand abholt. Stundenlang.
Währenddessen wartete Julians Mutter am Hofer Bahnhof vergeblich auf ihren Sohn. Schließlich wandte sie sich an die Polizei, die sich auf die Suche machte. Rund um die Bahnhöfe in Neuenmarkt, in Hof und in Bayreuth sahen sich die Streifen um - ja selbst die Möglichkeit, dass sich der junge Mann zu Fuß auf den Rückweg nach Himmelkron gemacht hatte, wurde geprüft. Nachdem die Wohngruppe in Himmelkron über Julians Verschwinden informiert worden war, machte man sich auch dort immer mehr Sorgen, erzählt die Leiterin Elke Netsch. Die Parkbank am Annecy-Platz war aber offenbar schon zu weit entfernt vom Bahnhof, um den Suchenden aufzufallen.

Eine eiskalte Nacht

Langsam wurde es Nacht. "Ich habe mich ein sehr gefürchtet und kaum geschlafen", erinnert sich Julian. Allerdings passte seine abweisende Mimik nicht zu seiner Gefühlslage. Sie ist Teil seiner autistischen Veranlagung, wobei man Menschen Autismus oft gar nicht ansieht. Das mag einer der Gründe sein, warum der junge Mann mit der Reisetasche niemandem auffiel, obwohl einige Leute vorbeikamen. Die Temperatur sank auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Der 21-Jährige war nicht besonders warm bekleidet, denn eigentlich war ja nur eine Zugfahrt nach Hof geplant. Am Morgen des Karsamstag saß er immer noch auf seiner Bank, während man sich in Himmelkron immer größere Sorgen machte.
Ein ganzer Tag verging noch, bis nach 28 Stunden auf der Bank am Abend ein Mann Julian ansprach. Genau kann er sich nicht mehr an seinen Retter erinnern. Schlecht verstanden hat er ihn, aber das kann viele Gründe haben. Jedenfalls fragte er ihn, ob er die Polizei verständigen solle. Julian sagte ja und einige Zeit später trafen die Ordnungshüter ein und fragten ihn nach seinem Ausweis. Danach wurde klar, dass es sich um den vermissten jungen Mann aus Himmelkron handelt. Sanitäter brachten Julian in ein Krankenhaus, wo er über das Osterwochenende bleiben musste. Allerdings besuchten ihn die "Himmelkroner" im Klinikum. Erst am Dienstag konnte er nach den aufregenden Ostertagen wieder nach Himmelkron in seine Wohngruppe zurückkehren.
Inzwischen kann Julian über sein Abenteuer sogar ein bisschen lachen. Auf jeden Fall aber würde er sich gern bei dem Mann bedanken, der ihn aus seiner schwierigen Lage gerettet hat. Er bittet den Unbekannten deshalb, sich in Himmelkron zu melden (Telefon 09227/79320 oder 79322, E-Mail Elke.Netsch@DiakonieNeuendettelsau.de).

Ein dringender Appell

Und noch eine Bitte haben Julian und seine Betreuer: Lieber einmal zu oft jemanden ansprechen, der deplatziert und hilflos wirkt. Je nach Jahreszeit können wenige Worte so sogar ein Leben retten.