Bisher sah es schlecht aus für den Kiebitz. In den Landkreisen Hof und Bayreuth gibt ihn nicht mehr. In Kulmbach sind gerade einmal 18 Brutpaare übrig. "Das ist eine erschreckende Zahl", sagt Frank Schneider, Feldvogel-Experte beim Kulmbacher Landesbund für Vogelschutz (LBV).

Innerhalb der vergangenen 20 Jahre habe der Bestand der Vögel rapide abgenommen. Heute gilt der Kiebitz bundesweit als "stark gefährdet". Schneider zufolge liegt die Ursache hauptsächlich im Verlust des Lebensraums.

Brüten auf dem Acker

Anders als die meisten heimischen Vögel gehört der Kiebitz zu den Watvögeln, die man eher aus dem Wattenmeer kennt. Sie schreiten über den Boden und stochern mit dem Schnabel nach Würmern. So macht das auch der Kiebitz auf Feldern und feuchten Wiesen. Der etwa taubengroße, schwarz-weiße Vogel mit der Haube auf dem Kopf ist darauf angewiesen, dass der Boden locker und zugänglich ist. "Ursprünglich lebte der Kiebitz auf feuchten Wiesen. Er war ein typischer Auenbewohner", so Schneider. Viele Feuchtgebiete wurden entwässert und der Kiebitz musste Alternativen finden.

Hier im Landkreis baut er mittlerweile seine Nester auf Mais- oder Getreideäckern. Denn sie sind die einzigen Flächen, die zum Start der Brutsaison in den ersten milden Tagen des Jahres im März oder April noch nicht bewachsen sind. So können die Bodenbrüter Fressfeinde schon von weitem erkennen.

Gut getarnt

Sowohl die Vögel als auch die Gelege sind gut getarnt. Daher ist es für Landwirte, die die Felder zur Bearbeitung befahren müssen, oft schwer, sie rechtzeitig zu erkennen. Im Jahr 2016 hat die LBV-Kreisgruppe Kulmbach eine Initiative gestartet. Wenn ein Landwirt einen Kiebitz auf seinem Feld sieht, kann er sich melden. Freiwillige Helfer suchen mit Fernglas oder Spektiv die Nester und stecken den Bereich ab. So kann der Landwirt das Gelege bei der Feldbearbeitung umfahren.

Holger Knörrer (47) aus Pechgraben macht seit drei Jahren bei der Kiebitz-Rettung mit.

"Wir Landwirte brauchen die Natur. Warum nicht etwas zurückgeben?", sagt er. Es sei relativ einfach, auf die Gelege Rücksicht zu nehmen, man müsse sie einfach nur umfahren. Vier Brutpaare hatten sich im Frühjahr in seiner Sommergerste niedergelassen. Ende Mai sind die Küken geschlüpft und laufen jetzt mit ihrer Mutter durch das Feld.

"Es tut niemandem weh"

Melissa Gräf (24) aus Wickenreuth beobachtet gern die Kiebitze auf ihren Maisäckern. "Man sieht sie oft fliegen, wenn sie Elstern oder Krähen vertreiben", so Gräf. Den Traktor scheinen sie nicht als Bedrohung wahrzunehmen. Gräf zufolge kann man bis auf wenige Meter an die brütenden Tiere heranfahren, bevor sie hochfliegen. Sie appelliert an ihre Berufskollegen: "Wenn ihr einen Vogel seht, der lange sitzen bleibt, dann sagt beim LBV Bescheid. Es tut niemandem weh, ein paar Quadratmeter frei zu lassen." Artenschutz sollte allen Landwirten am Herzen liegen.

Bei Christian Schoberth (32) aus Waldau sind die Kiebitze bereits aus den Maisfeldern ins Grünland umgezogen. Drei Brutpaare waren es mit jeweils zwei bis drei Jungvögeln. Gelegentlich sieht der Landwirt noch das ein oder andere Tier. "Sie sind schon fast auswachsen", berichtet er. Die Nester zu schützen sei relativ einfach gewesen. Sobald ein Elterntier neben dem Traktor hochflog, markierte der Landwirt den Bereich selbst mit Stöcken und umfuhr sie. Das macht er nicht nur für den Kiebitz, sondern auch für Wildenten. Auf die Frage, warum er auf die Tiere Rücksicht nimmt, antwortet er: "Wir arbeiten mit der Natur. Kleine Rehe und Hasen holen wir auch aus den Feldern. Bei Nestern ist das nicht so einfach. Aber man kann da nicht einfach drüberfahren."

Ein hartes Leben

"Wir freuen uns sehr, dass die Kooperation mit den Landwirten so gut läuft", bestätigt Feldvogel-Experte Schneider. So groß wie noch nie sei dieses Jahr die Zahl derer gewesen, die sich am Schutz beteiligten. Daher gebe es Hoffnung für den Kiebitz im Landkreis. Dafür dankt Schneider den Landwirten.

Künftig gibt es noch einen zusätzlichen Anreiz, wie aus dem Landratsamt verlautet: "Landwirte im Landkreis, die Nestbereiche aussparen und damit zum Erhalt der Brutvorkommen von Kiebitzen beitragen, können eine Entschädigung von 50 Euro pro Kiebitz-Nest erhalten."

Ein hartes Dasein

Trotz der Schutzbemühungen hat der Kiebitz ein hartes Leben. Vergangenes Jahr haben die Brutpaare keinen einzigen Jungvogel durchgebracht. Das liegt daran, dass noch weitere Faktoren für die Sterblichkeit verantwortlich sind. Neben Fressfeinden wie Fuchs oder Krähe gehört dazu auch die Witterung. Schneider erklärt: "Dieses Jahr hat der Schnee bereits die erste Brut vereitelt. Die Kiebitz-Eltern mussten entscheiden, ob sie auf dem Gelege sitzenbleiben oder aufstehen, um Nahrung zu suchen. Dabei sind die Eier ausgekühlt."

Falls aus der ursprünglichen Brut Jungvögel durchgekommen sind, wären sie schon flügge. Die meisten Jungvögel, die man jetzt sehe, stammen aus der Ersatzbrut, so Schneider. Sie werden noch bis Mitte oder Ende Juli brauchen bis sie fliegen können. Im August werden sie sich sammeln und gemeinsam zu besseren Nahrungsquellen ziehen. In der Regel sind das schlammige Teichufer in der Region. Bis dahin bittet Schneider sowohl Landwirte als auch Privatleute, Rücksicht zu nehmen. Letztere sollten beim Spazierengehen an Wiesen und Feldern auf den Wegen bleiben und ihre Hunde anleinen.