Zügig steigt Sieglinde Tremel die steile Treppe hinauf. Dort oben, auf der Empore der Mainrother Pfarrkirche St. Michael, hat die 87-Jährige seit einem dreiviertel Jahrhundert ihren festen Platz - die Orgelbank. Bis zu vier Mal pro Woche begleitet sie die Lieder der Gemeinde in den Gottesdiensten, sie ist eine Institution.

Zwölf Jahre war sie alt, als der damalige Pfarrer Franz Karl Römer einen neuen Organisten suchte, weil für den jungen Hans Hofmann die Schulzeit zu Ende ging. "Der muss arbeiten, der hat dann keine Zeit mehr", hört Sieglinde Tremel heute noch die Worte des Geistlichen, der händeringend einen Nachfolger suchte. "Auch bei meiner Oma, die er immer besuchte, hat er deswegen gejammert.


"Die wird doch noch wachsen"

Omas Lösungsvorschlag: Nimm' doch die Sieglinde, die klimpert immer auf unserem Harmonium herum." Die Bedenken des Pfarrers wegen der geringen Körpergröße der Enkelin zerstreute die Großmutter sofort: "Na die wird doch noch wachsen!"

Sieglinde Tremel wuchs, doch das dauerte noch eine ganze Weile. "Tatsächlich war ich so klein, dass ich nicht einmal über die Orgel schauen konnte. Meine Mutter musste sogar mit in die Kirche und sagen, wann mein Einsatz kommt."


Strenger Lehrmeister

Pfarrer Römer, der den Musikunterricht selbst erteilte, hat die 87-Jährige als strengen Lehrmeister in Erinnerung. Seine kritischen Kommentare zu Fehlern hätten fast dazu geführt, dass sie ihre Musiker-Karriere wieder beendete.

Doch dazu kam es nicht, im Gegenteil. Bereits nach einem Jahr Unterricht spielte Sieglinde Tremel erstmals im Gottesdienst. "Mein Vater hat mir sogar ein Gestell gebaut, damit ich die Fußpedale bedienen konnte", sagt sie schmunzelnd.

Dass Musik verbindet, erfuhr die gebürtige Steinwiesenerin, als sie ihren späteren Mann Josef kennenlernte. Er hatte ebenfalls bei Pfarrer Römer Unterricht und wechselte sich mit seiner Sieglinde viele Jahrzehnte beim Orgelspiel ab. Vor vier Jahren ist Josef Tremel gestorben, sein Ehrenamt musste er aus gesundheitlichen Gründen bereits 2004 an den Nagel hängen.

Seitdem ist Sieglinde Tremel weitgehend allein auf sich gestellt, allerdings hat sie in Otto Bähr aus Maineck einen Musikerfreund, der ebenfalls schon seit über 70 Jahren aktiv ist und einspringt, wenn sie einmal nicht spielen kann. Die Nachbarschaftshilfe beruht natürlich auf Gegenseitigkeit.
Die Pfarrgemeinde St. Michael hat schon viele Seelsorger gehabt. Nach Pfarrer Römer kamen Pfarrer Johann Böhmer, Kaplan Dieter Scholz, Adolf Schrenk, Hubert Thomalla, Pater Honorius Podleska, Pater Maximilian Krug und Pfarrer Gerhard Glaeser. "Ich bin mit allen gut ausgekommen, Hauptsache war aber, dass sie gut singen konnten", sagt die 87-Jährige und fügt mit dem ihr eigenen, trockenen Humor hinzu: "Wenn was nicht gepasst hat, hab' ich mich schon gerührt."


Schlimme Erinnerung

Berührt und erschüttert hat sie wie die gesamte Pfarrgemeinde ein Ereignis, das im März 2013 auch in der Bayerischen Rundschau für Schlagzeilen sorgt: "Unbekannte Täter hatten in der Mainrother Kirche sakrale Gegenstände mit Fäkalien beschmiert und beworfen. "Auch das Orgelbuch und die Pedale waren versaut", schimpft Sieglinde Tremel noch heute und ist froh, dass sie damals das Manual des Instruments abgesperrt hat.

Die Freude an ihrem Hobby konnten die Kirchenfrevler der rüstigen Seniorin aber nicht nehmen. Zum Fototermin mit der BR spielt die 87-Jährige "Großer Gott, wir loben dich" - griffsicher und fehlerfrei. Weil die Gelegenheit günstig ist, versucht sie sich gleich noch an einem neuen Stück."
Wenig später verlassen wir die Empore wieder. "Runterwärts geht's etwas langsamer", sagt Sieglinde Tremel und hält sich am Treppengeländer fest. "Es ist schon nicht einfach, aber ich mache es gern. Ich werden spielen, so lange ich noch kann."

Sätze, die die Pfarrgemeinde St. Michael sicher gerne hört.


Organisten-Jubiläum

Festgottesdienst Um 10 Uhr beginnt am Sonntag, 1. Juli, der Kirchweihgottesdienst in Mainroth, den Pater Kosma Reymer halten wird. Reymer wird zum Schluss das Engagement von Organistin Sieglinde Tremel würdigen und ihr die Urkunde des Erzbistums zum "75-Jährigen" überreichen.

Ausgestaltung Der Festgottesdienst wird vom Gesangverein "Freundschaftsbund" umrahmt. Die Orgel spielt an diesem Tag Thomas Bähr aus Maineck.