In Günter Grass" Roman "Blechtrommel" gibt es eine berühmte Szene: Der kleinwüchsige Oskar Matzerath sitzt mit seiner Trommel auf der Zuschauerbühne. Als die SA-Kolonne vorbeimarschiert, verändert er den Rhythmus. Die Männer geraten außer Tritt und die Zuschauer wiegen sich im Walzertakt. Der Nazi-Aufmarsch ist gesprengt.
In Marktschorgast sind es elf Musiker und eine junge Frau, die gegen die Feinde der Weimarer Republik trommeln und trompeten. Vermutlich 1928 haben sie sich als Schalmeien-Kapelle formiert - als Aushängeschild des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Der reichsweite Bund versteht sich als Formation aktiver Demokraten und Republikaner, die den Radikalen von links und rechts Paroli bieten möchte.


Aufmarsch mit Arbeiterliedern

Seine Marktschorgaster Ortsgruppe rekrutiert sich hauptsächlich aus dem Lager der Sozialdemokratie, die in den späten zwanziger Jahren um die vierzig aktive Mitglieder hat. Statt "Sieg Heil!" grüßt man sich mit "Frei Heil!". Die SPD gibt sich in der Ortschaft als staatstragende Partei. Bei Kommunalwahlen holt sie 30 bis 40 Prozent der Stimmen und stellt den Zweiten Bürgermeister. Bei der "Bannerweihe" vom 12./13. Mai 1928 kann der RB-Vorsitzende Xaver Schneidmadl auch den kompletten Gemeinderat mit seinen fünfzehn Mitgliedern begrüßen. Mit den Ortsgruppen der Nachbarorte ist man verbündet, besonders zu Münchberg und Helmbrechts bestehen intensive Kontakte. In beiden Ortschaften tritt auch die Marktschorgaster Schalmeien-Gruppe auf (in Münchberg auch zur großen Kreismusikkonferenz am 18. Mai 1929).

Bei Kundgebungen zeigt man Flagge. Die Schalmeien-Gruppe marschiert mit den traditionellen Arbeiterliedern durch die Ortschaft - "Brüder zur Sonne, zur Freiheit", "Auf, auf zum Kampf", "Wann wir schreiten Seit" an Seit"" - oder tritt zu Standkonzerten an.


Rhythmus wie bei einer Drehorgel

Der Klang, der etwas schräg und schief anmutet, ist auf besondere Weise mitreißend. Der Rhythmus gleicht einer riesigen Drehorgel, blechern, durchdringend wie die mehrtönige Hupe eines Ferrari. Dominant sind die sechs Schalmeien, wegen ihrer Klangeigentümlichkeit besser als "Martinstrompen" bezeichnet, mit unterschiedlichen Schallröhren und Tonlagen. Die Marktschorgaster Blechblasinstrumente sind von höchster Qualität, hergestellt bei C.A. Wunderlich aus Siebenbrunn in Vogtland.

Eine dieser Schalmeien hat sich erhalten. Sie hat auf fast wundersame Weise sowohl die Zerschlagung des Reichsbanners durch die Nationalsozilisten überstanden als auch das Auftrittsverbot der Arbeitermusikkorps: Als Erhard Wunderlich, einer der Musikanten, im Zweiten Weltkrieg im Russland fällt, verwahrt seine Witwe Therese das Instrument, das ihm lieb und teuer gewesen ist. Sie stirbt 1999 im Alter von 93 Jahren. Kurz vor ihrem Tod vermacht sie das Erinnerungsstück, für sie ein kleines Heiligtum, ihrer Enkeltochter Ute Nüssel.


Trommeln im Dachboden

Auch die beiden Marschtrommeln des Spielmannszuges haben die Zeit unbeschadet überstanden. In der Nachkriegszeit lagern diese zunächst im Marktschorgaster Rathaus, werden jedoch 1955, als aus der Sanitätskolonne des Roten Kreuzes ein Spielmannszug mit sechs Pfeifen und vier Trommel erwächst, übergeben. Als er schon nach vier Jahren wieder aufgelöst wird, kommen sie ins Rathaus zurück. Die Helfer Rudolf Kurz, Jürgen Schiphorst und Peter Munk haben sie kürzlich unter dem Archivbestand im Dachboden des Rathauses entdeckt.