Als Pendlerin fahre ich jeden Morgen mit dem Auto in die Redaktion nach Kulmbach. Mein Weg dorthin führt mich zuerst über die Autobahn, auf den letzten Kilometern verringere ich mein Tempo allerdings und fahre über die Landstraße. Dabei komme ich auch jeden Tag durch ein kleines Dorf, das mich ungefragt in Glücksstimmung versetzt. Mag es reine Nostalgie sein oder der romantische Traum, irgendwann einmal im Fachwerkhaus auf dem Land zu wohnen - wer weiß?

Ich bin auf jeden Fall in den zweieinhalb Minuten immer bestens gelaunt, wenn ich durch die Ortschaft fahre. Heute wurde es sogar noch besser: Nach einer Kurve schlenderte ein Schornsteinfeger gemütlich über einen Innenhof. Ich lächelte ihm versonnen zu, natürlich.

Doch ab da fing die Unglücksserie an. Nur haarscharf konnte ich einen Unfall vermeiden, da ich zu lange auf das personifizierte Glückssymbol gestarrt hatte. Ein paar Kilometer weiter prasselten die ersten Regentropfen aus tiefschwarzen Wolken auf die Windschutzscheibe. Am Nachmittag stand ich dann für einen geplanten Termin an der falschen Stelle, und die Mitbewerber für die Traumwohnung legten am Abend alle ein perfektes Portfolio vor- zumindest alle außer mein Partner und ich. Danke, Kaminkehrer.

Wer dem volkstümlichen Aberglauben vertraut, weiß, dass der Schornsteinfeger deshalb zum Glückssymbol geworden ist, weil er es als Einziger vermochte, in den dunklen Kamin zu steigen und diesen von Ruß und zusätzlichen bösen Geistern zu reinigen.

In diesem Wissen beschließe ich den unglückbringenden Tag mit dem Gedanken, dass mir der Schornsteinfeger hoffentlich das nächste Mal allein dadurch Glück bringt, dass er bei uns vor der Haustür steht. Um nämlich nach einem erfolgreichen Umzug in den Kamin zu schauen.