70 Jahre und kein bisschen leiser - der Kirchenchor der Ziegelhüttener Friedenskirche kann auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückblicken. Anlässlich des Jubiläums fand am Sonntag ein Festgottesdienst statt, den die Chorgemeinschaft nicht nur musikalisch begleitete, sondern bei dem auch langjährige Chormitglieder geehrt wurden.


Eine Sängerin der ersten Stunde

Günter Wagner und Anni Teichmann sind seit zehn Jahren dabei, Manfred Voigt und Anita Semmelroch leihen dem Chor seit 20 Jahren ihre Stimmen, Beate Bauer seit 40 Jahren und Werner Sporhan ist seit beeindruckenden 50 Jahren Mitglied des Kirchenchors. Absolute Spitzenreiterin jedoch ist die 84-jährige Gerda Eichner, Gründungsmitglied und somit seit 70 Jahren aktive Chorsängerin. Als Konfirmandin stieß sie 1946 zum einstigen Mädchensingkreis, den die Pfarrfrau Annemarie Lettenmeyer ins Leben gerufen hatte.
"Das Singen ist ein wichtiger Teil meines Lebens, und es hat mir über die Jahre immer so viel Spaß gemacht", sagte die Jubilarin, "der Kirchenchor ist eine Bereicherung für mein Leben, ich möchte ihn nicht missen." Und nicht nur gesungen hat sie mit dem Chor, auch viel erlebt hat sie mit ihm. "Unser junger Mädchensingkreis war Ende der 40er Jahre vom amerikanischen Stadtkommandanten zum Teetrinken in den Hetenhof eingeladen worden", erinnerte sich Gerda Eichner. Die Mädchen hatten damals zur Zwillingstaufe des Pfarrers gesungen und fanden sich vor Aufregung zitternd im Kulmbacher Hetenhof ein. "Wir waren total aufgeregt und konnten unsere Teetassen kaum halten, das war schon etwas Besonderes, es hat ja nichts gegeben nach dem Krieg." Und was ihr in Erinnerung blieb war, dass die Amerikaner so freundlich waren, "wo sie ja doch eigentlich der Feind gewesen waren."
Verschiedene Chorleiter führten den Kirchenchor der Friedenskirche dann durch die nächsten Jahrzehnte, und in den 50er Jahren kamen auch die ersten Männer dazu.


Gemeinschaft über Chor hinaus

Ab 1970 übernahm Elfriede Schoberth die Leitung, baute den Chor diszipliniert auf und organisierte Ausflüge, Sommerfeste und auch Faschingsabende. Etwas, das die Chorgemeinschaft bis heute beibehalten hat, wenn auch unter neuer Führung durch Irmtraud Tröger-Franz, die den Chor seit 2013 dirigiert. "Unsere Gemeinschaft ist uns sehr wichtig und wertvoll, auch über den Chor hinaus." Gerne würde die Chorleiterin auch jüngere Sängerinnen und Sänger für den Kirchenchor begeistern, hat sogar schon modernere Stücke und Gospellieder mit dem rund 16-köpfigen Ensemble einstudiert. "Und das hat allen super gefallen." Aber bislang blieb das Interesse der ganz jungen Generation aus.
"Viele von uns sind als Konfirmanden in den Chor eingestiegen", erzählte Beate Bauer, "und wir sind geblieben, obwohl wir damals von anderen gehänselt wurden, Kirchenchor sei doch nur was für die Alten." Doch viele junge Leute hätten nicht mehr viel Interesse am Singen, wollten sich nicht binden. Umdenken sei da angesagt, meinte Irmtraud Tröger-Franz, die der Ansicht ist, dass "die Chorarbeit in ihrer jetzigen Form ein Auslaufmodell sein könnte." Sie sieht in Zukunft den Kirchenchor eher als eine Projektarbeit, in der gezielt für die großen Kirchenfeste im Jahr Stücke einstudiert werden. Auch ein Konzert könnte sie sich gut vorstellen, "aber dazu fehlt uns momentan einfach der Nachwuchs, alleine könnten wir das nicht stemmen."


Ein Aufruf zum Singen

"Kantate", das heißt "singt", stimmte der Kirchenchor aus voller Brust zu Beginn des Festgottesdienstes an, und das ist auch gleichzeitig als Aufruf zu verstehen. Als Aufruf an alle, in sich zu horchen, die Stimme zu erheben und das Leben in sich aufzunehmen. "Auch wenn man mal muffelig gelaunt zu den Proben kommt, geht man danach voller Energie wieder nach Hause", sagte Irmtraud Tröger-Franz. Viele spüren, wie gut ihnen selbst die "Singstund" tut. Und man tut nicht nur etwas für sich selbst, sondern für die ganze Gemeinschaft, wie Pfarrer Rolf Dieling in seiner Predigt ergänzte: "Es ist ein wertvoller Dienst, den Sie hier für uns leisten. Ihr Gesang strahlt aus, erreicht viele Herzen und Sinne. Der Chor ist zu einer Art zweiten Familie geworden."
Der Kirchenchor der Friedenskirche probt wöchentlich montags von 20 bis 21.30 Uhr im Gemeindehaus, Interessenten sind jederzeit willkommen.