Monatelang haben die Schülerinnen und Schüler im Distanzunterricht lernen müssen. Man spricht von großen Lernlücken, die jedoch bislang noch niemand genau benennen kann. Bei Schülern wie Eltern herrscht viel Verunsicherung über den aktuellen Lernstand, da sollte man meinen, dass Nachhilfeunternehmen nur so boomen.

Tatsächlich ist die Nachfrage jedoch recht zurückhaltend. ", Für viele ist der aktuelle Stand nicht greifbar", sagt Markus Linhardt vom Nachhilfeanbieter "Studienkreis". Die Unsicherheit sei groß, keiner traue sich Laufzeitverträge über ein halbes oder ein ganzes Jahr abzuschließen. "Ich gehe davon aus, dass der Ansturm kommen wird, sobald Schüler und Eltern Gewissheit über den Leistungsstand erhalten." Sprich: Sobald die ersten Leistungsnachweise geschrieben wurden.

Diese Situation bestätigt auch Björn Thies von der Schülerhilfe in Kulmbach. "Wir haben schon Anfragen umsichtiger Eltern, die vermuten, dass ihr Kind Wissenslücken hat", erklärt er. Jedoch kämen die meisten Schüler erst dann zur Nachhilfe, wenn es weh tue. Sowohl die Schülerhilfe als auch der Studienkreis begleiteten in den letzten Wochen vor allem Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihren Abschluss vorbereiteten. "Es gab viel Unterrichtsausfall, auch in der Zeit ohne Lockdown, etwa durch Quarantänen", erklärt Thies.

Man würde sich jetzt in der Nachhilfe auf die Grundlagen konzentrieren - das sei wie beim Hausbau, das Fundament müsse stehen. "Die angeleitete Übungszeit fehlte", sagt er und gibt ein Beispiel: "Eine Schülerin, die sonst vier Unterrichtsstunden Latein pro Woche hat, musste ein Mal pro Woche einen Lateintext übersetzen."

Problem Internetverbindung

Speziell im Kernfachbereich, das heißt in Mathematik oder Sprachen, sehen Björn Thies und Markus Linhardt Bedarf. "Viele Lehrer bemühen sich und kümmern sich, aber oft hängt es auch an der Ausstattung", sagt Linhardt. Gerade im ländlichen Gebiet fehle oft ein schnelles Internet, Skype breche ständig zusammen. Dennoch haben beide Nachhilfeanbieter schnell auf virtuellen Unterricht umgestellt. In Prüfungsvorbereitungskursen machten sie ihre Nachhilfeschüler fit für ihre Prüfungen und sind zuversichtlich, dass alle ihren Abschluss schaffen. Anastasia Bergmann ist so eine Schülerin, sie schrieb jüngst ihre Abiprüfung.

"Ich gehe seit drei Jahren zur Schülerhilfe, hauptsächlich, weil ich in Mathe besser werden wollte", erzählt die Schülerin. Für diesen Anbieter hat sie sich entschieden, weil eine Mathelehrerin ihrer Schule dort auch unterrichtet, und sie wusste, dass sie gut erklären kann. "Wir lernen in Gruppen mit etwa drei Personen, ein Mal pro Woche für eineinhalb Stunden, das hat sehr viel gebracht."

In der Schülerhilfe seien die Online-Kurse zu Beginn der Pandemie schon sehr schnell angelaufen, noch bevor die Schulen umstellen konnten. "Fragen, die sich mir aus dem Homeschooling ergaben, konnte ich in der Schülerhilfe stellen und beantwortet bekommen", sagt Anastasia Bergmann. In Mathe habe sie sich in den letzten Klausuren deutlich verbessert. "Mir hat die feste Terminvorgabe geholfen, und ich denke, so manchem meiner Mitschüler hätte das sicher auch gutgetan." Man werde durch die Nachhilfe gezwungen, sich mit dem Stoff auseinander zu setzen. "Ich bin in dieser Zeit ehrgeiziger geworden, habe gemerkt, dass ich erfolgreich sein kann, wenn ich etwas tue." Das habe sie motiviert, sich auch in den anderen Fächern mehr anzustrengen. Was sie nach dem Abitur machen will, weiß sie noch nicht, am liebsten erst einmal "Work and Travel". "Es fehlt, mal ein bisschen Freiheit zu haben", sagt die 18-Jährige.

An eine ganz andere Zielgruppe richtet sich das geplante Angebot des Kreisjugendrings Kulmbach. "Wir werden in unserem Sommerferienprogramm in diesem Jahr erstmals eine Projektwoche mit schulischen Inhalten anbieten", erklärt Kreisjugendpflegerin Melanie Dippold. Vorwiegend seien dabei Grundschüler angesprochen, vermutlich gegen Ende der Ferien, kurz bevor die Schule wieder startet. "Es geht darum, Grundrechenarten, Lesen, Grammatik zu üben und zu wiederholen, wir haben diesbezüglich auch Kontakt zum Schulamt aufgenommen um festzustellen, was Sinn macht."

Enge Zusammenarbeit mit dem Schulamt

Natürlich sei eine Woche nicht viel, aber das Team des Kreisjugendrings hoffe auf Mittel aus dem neuen Bundes-Aufholpaket, um darüber hinaus weitere Nachhilfekurse für Grundschüler anbieten zu können. "Und zwar in erster Linie für Kinder aus Familien, die sich vielleicht keine kommerzielle Nachhilfe leisten können." Hier sei ebenfalls eine enge Zusammenarbeit mit Schulamt und Lehrern geplant, eine Bewerbung soll dann direkt über die Schulen erfolgen.

Auch das Kultusministerium hat die Schülerinnen und Schüler in Bayern im Blick und hat unter dem Motto "gemeinsam.Brücken.bauen" ein Förderprogramm zum Ausgleich pandemiebedingter Nachteile für Schülerinnen und Schüler geschaffen. "Die Teilnahme an den Fördermaßnahmen sollte vor allem auf Basis der diagnostizierten Lernrückstände, des vorliegenden Notenbilds und gegebenenfalls individuell erfolgter Beratungen empfohlen werden", heißt es in einer aktuellen Verlautbarung des Kultusministeriums. Intensivierungsstunden, neue Unterstützungskräfte, Brückenkurse (in den Ferien), das Tutorenprogramm "Schüler helfen Schülern" - all dies sind Bausteine des Förderprogramms. Neben dem Aspekt des Ausgleichs von Lernrückständen sehe das Kultusministerium auch die Förderung der stark eingeschränkten Sozialkontakte der vergangenen Zeit. Dies lege nahe, wo immer möglich Präsenzveranstaltungen anzubieten.