1978 wollten einige Redakteure der Schülerzeitung "Ventilator" eine ungeschlachte Karikatur von Klaus Staeck auf's Cover setzen: eine Kette von Männchen, von denen jeder den Hintern seines Vordermanns beschnuppert. Darunter der Slogan: "Die Arschkriecher." Mit der Vorlage und einem Pack Manuskripte gingen sie ins Direktorat zu Dr. Kneitz. Der besah sich die Zeichnung und zerfetzte sie in tausend Stücke. "An unserer Schule gibt es keine Arschkriecher!", schrie er.

Kriecher, Duckmäuser, Mitläufer - für Kneitz ein rotes Tuch. Sie berühren sein Lebenstrauma: die Verstrickungen seines Vaters in der NS-Zeit. Erst im hohen Alter kann er wirklich eine innere Distanz herstellen. Sein Vater ist nicht nur SS-Mitglied, einer der Kulmbacher Ortsgruppenleiter und ab 1940 stellvertretender Kreisleiter gewesen, sondern er hat dem Sohn durch sein Angst einflößendes Verhalten schwer zugesetzt.

Otto Kneitz wird am 31. August 1920 in Kulmbach geboren. Nachdem er 1939 in Bayreuth das letzte Friedensabitur absolviert hat, studiert er in Erlangen Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Wenig später heiratet er Martha Merkel, 1946 wird Sohn Günter geboren. 1947 kommt er an das MGF-Gymnasium zurück. Er gilt als strenger Pädagoge, ist mitunter knorrig, verlangt den Schülern viel ab. Mit seiner Belesenheit kann er die jungen Leute aber mitreißen. Mit seiner ausgeprägten Gerechtigkeit, "preußischen" Arbeitsmoral und Zuverlässigkeit ist er vielen ein Vorbild. Wichtig ist ihm, die Jugendlichen zu kritischen, mündigen, liberal denkenden Menschen zu erziehen, die politischen Verführungen widerstehen.

1973 wird er zum Schulleiter des MGF ernannt. Bis zu seiner Pensionierung im August 1982 wächst die Schülerzahl von 950 auf knapp 1200 an.

Mit Otto Kneitz verliert Kulmbach einen der letzten Zeitzeugen, der den Aufstieg der Nazis, die Machtergreifung Hitlers und die Vorgänge danach bewusst miterlebt hat. In seinen präzisen, unbestechlichen Erinnerungen war er dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht unähnlich. Am vergangenen Samstag ist der große alte Kulmbacher gestorben.

Die Trauerfeier beginnt am Donnerstag um 13 Uhr in der Kulmbacher Friedhofskapelle.