Die Beteiligung der Bevölkerung an der Gedenkfeier zum Tag der Deutschen Einheit nimmt zu. Mit dieser Feststellung begann Wolfgang Protzner seine Festrede am Mahnmal der Berliner Brücke und erinnerte daran: "Wir haben ja eine Zeit hinter uns, wo wir ganz allein hier standen, manchmal nur eine Handvoll und von örtlichen Medien in den Kommentaren als die letzten kalten Krieger bezeichnet." Und Protzner machte eines gleich zu Beginn deutlich: "Wir kommen nicht ohne nationale Symbolik aus! Dazu gehört das Wissen der Nationalfahne, dazu gehört, dass das Wappen dieses Staates, in dem wir leben, bei Urkunden, nicht nur bei völkerrechtlichen Verträgen, sondern auch bei der Ernennung hoher Beamter als Staatswappen verwendet wird.
Wir haben eine Nationalhymne und es ist üblich, dass in den Staaten ein Bild des Staatspräsidenten in den Amtsstuben hängt." Die Bilder des amtierenden Bundespräsidenten vermisse er aber in den deutschen Amtsstuben und anderen öffentlichen Gebäuden.

Der Festakt wurde von Susanne Trottmann und Tanja Schaller von der Musikschule Kulmbach musikalisch umrahmt und die Begrüßung nahm Stadtrat Ingo Lehmann (SPD) für das Kreiskuratorium Kulmbach "Tag der Deutschen Einheit" vor. Unter den Gästen waren auch Altlandrat Herbert Hofmann und Be-zirksbürgermeister Reinhard Naumann von Berlin-Charlottenburg.

Die Bundesbürger begehen den Nationalfeiertag nach den Worten von Wolfgang Protzner ein bisschen beschämt und ein bisschen weggeduckt: "Aber wir können eigentlich auf diesen Nationalfeiertag sehr stolz sein. Es war die erste Revolution, die geradezu nach Staatsrecht stattfand und unter Aufsicht aller." Dabei gab es keine großen Ausschreitungen, sondern es war einfach die Stunde, die Deutschland ein Geschenk der Geschichte brachte und kein Mensch hatte damit jemals gerechnet. Protzner weiter: "Es gab mutige Politiker und man sollte sie nennen, das ist einmal Helmut Kohl, das war Genscher und das war Willy Brandt, die sich gesagte haben, das muss jetzt geschehen und es geschah. Wir können also den dritten Oktober ohne Umschweife als einen großes Geschenk deutscher Geschichte ansehen, das uns überkommen ist, das wir geschenkt bekommen haben und an das wir uns erinnern sollen."

Und wie Protzner bereits am Beginn seiner Festrede ausführte, gehe es nicht ohne Symbolik aus: "Wenn wir die Politik beobachten, dann beobachten wir heute eine entmenschlichte Politik, denn es geht um Zahlen, Steuern, Statisken und Prozentzahlen, aber das Herz in der Politik scheint ausgeklammert zu sein. Und so müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Politik und unseren Staat weiter gestalten, denn mit dem Ereignis der Wiedervereinigung vor 23 Jahren ging ein Kapitel deutscher Geschichte getrennt in Ost und West ein für alle Mal zu Ende. Und dieses zu Ende gehen stellte auch neue Aufgaben."

Die Emotionen um die Wiedervereinigung waren schnell wie weggeblasen und es folgte ein Gezänk über den Soli und über blühende, nicht blühende oder schon wieder verblühte Landschaften. Protzner: "Wir widmeten uns wieder den kleinkarierten deutschen Problemen und der Stolz und die Freude über das Ereignis war weg und das Schlimmste über das Ereignis war für mich, dass Kommunisten in Form der PDS und Nachfolgeparteien in diesem gesamten Deutschland wieder hoffähig wurden."

Der Preis der Wiedervereinigung war nach den Worten von Protzner nicht unerheblich, denn das war der Euro. Damit stand Deutschland wieder in großartiger Tradition: "Wir haben uns schon immer die Probleme und Sorgen weggekauft." Und dennoch ist die deutsche Wirtschaft weiterhin die stabilste in Europa. Protzner sprach sich dafür aus, das Projekt "Europa" massiv voranzubringen: "Das ist unser Schicksal, denn wir sind ja blind, wenn wir nicht sehen, dass die Welt neu geordnet und neu sortiert wird. Wie lange das hochverschuldete Amerika die Weltpolizistenrolle spielen kann, will und soll, weiß kein Mensch, aber die Zeiten werden sich ändern. Und die großen Mächte China und Indien sind im Kommen. Deswegen kann sich Europa nur dann weiter entwickeln, wenn es als Europa spricht." Protzner sprach sich ferner dafür aus, die sozialen Spannungen im eigenen Land erst gar nicht aufkommen zu lassen und man müsse sich vergegenwärtigen: "Demokratie ist eine Schönwettereinrichtung und bei diesem Wetter macht Demokratie Spaß. Der soziale Ausgleich ist aber unbedingt notwendig. Es wird Zeit, dass wir endlich diese Aufgaben angehen und nicht im Klein-Klein der täglichen Debatten erschöpfen."
Thomas Nagel verwies in seinem Schlusswort auf ein Zitat des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Demokratie ist keine Glücksversicherung, sondern das Ergebnis politischer Bildung und demokratischer Gesinnung." Diese politische Bildung müsse nach Nagels Worten auch gefördert werden: "Wir brauchen wieder mehr ein Bildungsbürgertum, das bereits in der Schule die Grundlagen erhält." Thomas Nagel sprach sich dafür aus, dem Fall der Mauer regelmäßig zu gedenken und nicht nur an halbrunden und runden Jahrestagen.