Unterfranke Andreas Kümmert fährt doch nicht für Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Wien - und das, obwohl er von den Zuschauern des Vorentscheids mit großer Mehrheit gewählt wurde. Sofort sprangen ihm Kollegen zur Seite und forderten Respekt für die Entscheidung des Sängers. Gemischte Reaktionen hat der Verzicht des "Rocket Man" auch in Kulmbach ausgelöst, wie wir bei einer Straßenumfrage feststellen konnten.
"Ich würde einen solchen Wettbe- werb auf jeden Fall als Chance sehen", sagt Konstantin Schneider. Der 18-jährige Kulmbacher ist Schlagzeuger in einer Metalcore-Band und hat von dem Eklat aus den Nachrichten erfahren. Es habe ihn "im ersten Moment schon gewundert", er könne jedoch verstehen, dass es "dem einen oder anderen zu viel werden kann".

Der Schlagzeuger sieht vor allem die enttäuschten Reaktionen von Fans kritisch: "Schwachsinn. Die Musik bleibt schließlich dieselbe, und nur darum sollte es schließlich gehen."
Ein weiterer Musiker, der Verständnis für die Entscheidung zeigt, ist Hanns-Georg Schmidt. Der Neuenmarkter ist Musiklehrer am Caspar-Vischer-Gymnasium in Kulmbach und gibt zu, im Studium schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen zu sein: eine Fahrt zur Bach-Woche habe er damals "einem interessierten Freund zur Verfügung gestellt". Der 63-Jährige ist beeindruckt und vermutet, dass Kümmert "einfach sein Talent zeigen wollte, ohne den ganzen Rummel. Wobei sich dann die Frage stelle: "Warum nehme ich dann an einem solchen Wettbewerb teil? Es gibt in der Musik aber größere Probleme."

Isabell Holhut ist Verkäuferin in der CD-Abteilung des Drogerie-Marktes Müller und bezeichnet die ganze Angelegenheit als schwierig: "Ich hätte mich an seiner Stelle einfach gefreut. Man macht doch bei so was mit, um zu gewinnen."

Schwer vorhersehbar

Sie findet sowohl Kümmerts Beitrag als auch den Song der Zweitplatzierten Ann Sophie "nicht schlecht". Dennoch erkennt sie große Unterschiede zwischen beiden Stücken: "Der Sieger ist jetzt ganz anders."
Ob Ann-Sophie in Wien den Titel nach Deutschland holen wird? "Das ist schwer einzuschätzen. Wir hatten auch schon Kandidaten, die viel besser als erwartet abgeschnitten haben - 'Satelite' zum Beispiel." Der ESC sei einfach schwer vorhersehbar. "Ich hätte es ihm aber gegönnt."

"Er hätte in Wien wohl kaum Chancen gehabt", kommentiert Sophie Groetsch den Eklat. Kümmerts Entscheidung kann die 16-Jährige Schülerin trotzdem nicht nachvollziehen, da man bei einem Wettbewerb damit rechnen sollte, dass man gewinnen könne. Die Mainleuserin denkt auch an die enttäuschten Fans und Unterstützer: "Die Leute verlassen sich auf ihn." Auch Andreas Kümmerts Aussage, er sei nur ein kleiner Sänger vor einem so großen Wettbewerb, vermag sie nicht umzustimmen: "Gerade als kleiner Musiker will man doch größer werden." Allerdings kenne sie seine Ziele nicht. Den Song von Ann-Sophie kennt sie nicht. Sie wünscht sich für Wien einen Musiker, "der Deutschland gut vertreten kann".

Tomke Krüger hat das TV-Großereignis mitbekommen - ob sie wollte oder nicht: "Mein Papa schaut das immer, deswegen habe ich das dann auch alles sofort gehört." Sie vermutet, dass Kümmert lieber klein weitermachen will und mutmaßt, dass dieser die Öffentlichkeit vielleicht einfach nicht mag. Und sie kann der Entscheidung sogar Gutes abgewinnen. "Besser jetzt als später."

"Coole Entscheidung"

Sie sieht die Gefahr, dass eine zu späte Absage eventuell bei der Suche nach einem Ersatz massive Schwierigkeiten bereitet hätte, da dieser dann nicht mehr ausreichend Zeit gehabt hätte, sich auf ein Mega-Event wie den Eurovision Song Contest vorzubereiten und einzustellen. Allerdings sieht sie nun auch bei dem Ergebnis ein Problem, denn in Abwesenheit von Andreas Kümmert"hätten die Zuschauer vielleicht anders gewählt."
Für Andreas Bock ist klar:" 23. Mai ist Gesetz." Der 38-Jährige ist ein großer Fan des Eurovision Song Contest, hatte sich aber für die Vorentscheide bisher nie wirklich interessiert, weshalb er von dem überraschenden Rückzug des Siegers erst über eineNachrichten-App erfahren hatte.
Er findet die Entscheidung irgendwo auch cool. "Mein erster Gedanke war: Der hat Rückgrat". Allerdings habe auch er sich die Frage gestellt, warum Der Künstler dann an einem solche Wettbewerb teilnehme. Er vermutet, dass Kümmert Angst gehabt und Panik bekommen haben muss. Auf Spekulationen über die Gründe will er sich aber nicht einlassen.

Zu viel Show?

Der Biologie-Lehrer am Caspar-Vischer-Gymnasium hat sich nach der Benachrichtigung über die App auch mit den anderen Kandidaten auseinandergesetzt, deren Lieder er allerdings für "nicht so tauglich" hält. Das Siegerstück von Ann-Sophie, "Black Smoke" findet er "voll eingängig", Kümmerts Versuch "auch toll, aber weniger ESC-tauglich".
Die Show an sich hält Andreas Bock für teilweise übertrieben. Seiner Meinung nach ging es früher mehr um die Musik. "Das ist in den letzten fünf, sechs Jahren immer mehr zur Show ausgeartet."