Despina Fotiadis feiert heute Weihnachten - zum zweiten Mal. "Am 24. Dezember war ich abends im Gottesdienst, danach gab es ein Essen mit der ganzen Familie und Geschenke," erzählt die orthodoxe Christin, die aus Griechenland stammt und in Kulmbach ein Restaurant betreibt.

Doch auch heute besucht sie den Weihnachtsgottesdienst bei Pater Artem Bondarenko. "Für das orthodoxe Weihnachtsfest gibt es zwei mögliche Termine, da es in den Ländern, wo orthodoxe Christen leben, unterschiedliche Kalendersysteme gibt", erklärt er. "Der alte, julianische Kalender gilt für die russische Kirche, die serbische, die georgische und die von Jerusalem. Da ist Weihnachten am 7. Januar. Die anderen, zum Beispiel die Griechen, Rumänen oder Bulgaren, feiern schon im Dezember."

Despina Fotiadis richtet sich eigentlich nach dem neuen Kalender. "Aber meine Mutter hat immer nach dem alten Kalender gefeiert, am 7. Januar. Deswegen feiere ich auch heute.
Vielleicht kommt noch jemand mit in den Weihnachtsgottesdienst, mein Sohn oder meine Köchin." Für den Gottesdienst muss sie weit fahren, denn in Kulmbach selbst gibt es keine eigenständige Gemeinde. Sie gehört deshalb zur Gemeinde St. Serafim in Coburg, der Gemeinde von Pater Artem Bondarenko. "Hier in der Gegend gibt es nicht so viele orthodoxe Christen", erklärt er. "Zu meiner Gemeinde gehören deshalb Gläubige ganz unterschiedlicher Nationalitäten."

Geschenke, Essen, Lieder

Aus diesem Grund hält Artem Bondarenko auch zwei Weihnachtsgottesdienste - einen am 7. Januar und einen am 25. Dezember. "Dazu muss man noch wissen, dass es bei den orthodoxen Kirchen die Regel gibt, dass ein Tag immer am Vorabend beginnt", erläutert er. "Der 25. Dezember fängt also schon am 24. Dezember abends an. Da beginnt dann auch Weihnachten, mit einem Gottesdienst, Essen, Geschenken und Liedern - eigentlich genau so wie bei den meisten deutschen Familien."
Auch Artem Bondarenkos Familie hat so ihr Weihnachtsfest gefeiert - obwohl sie sich als Ukrainer eigentlich nach der russischen Zeitrechnung richten. "Aber wir leben in Deutschland, wo am 24. gefeiert wird, und wollen die deutschen Traditionen nicht ablehnen. Außerdem feiern da auch viele viele Gläubige in meiner Gemeinde."

Ohne Plätzchen und Glühwein

Eine Sache gibt es allerdings, wo sich die Bondarenkos nicht den deutschen Gebräuchen anschließen, und das ist die Zeit vor Weihnachten. "In der Adventszeit fasten wir. Das ist Gesetz bei uns," erklärt Artem Bondarenkos Frau Olena. "Es gibt keine Plätzchen, Glühwein, kein üppiges Essen." Die Fastenzeit dauert 40 Tage, und endet mit dem Weihnachtsfest.
Während dieser Zeit sind Fleisch, Milch, Käse und Eier tabu. Das Geld, dass durch den Verzicht auf Fleisch und andere tierische Produkte gespart wird, soll Bedürftigen gespendet werden. Denn nicht nur für den Körper, auch für Geist und Seele soll die Fastenzeit reinigend sein, erlärt Olena Bondarenko. "Das ist eine Zeit zum Beten, zum Nachdenken, eine Zeit, sich um andere zu kümmern, und ihnen ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme zu schenken, auf Zerstreuung zu verzichten." Sie selbst liebt deutsche Fernsehkrimis. "Aber zur Fastenzeit schaue ich keine. Auch unsere Kinder sollen nicht Party machen, laute Musik hören, stundenlang Computer spielen."
40 Tage auf Fleisch, Milch, Käse und Eier zu verzichten - gar nicht so einfach. Vor allem, wenn man, wie Despina Fotiadis, Restaurant-Chefin ist. "Normalerweise schmecke ich selbst ab. Aber in der Fastenzeit muss ich meinen Leuten vertrauen." Allerdings sei die Fastenzeit vor Weihnachten nicht ganz so streng wie die vor Ostern. "Ausnahmsweise darf ich schon mal was probieren."

Auch Julia Rausch hat gefastet. Die Kulmbacherin ist aktives Mitgied in Artem Bondarenkos Gemeinde. "Es ist gar nicht so schwer, das durchzuhalten. Es ist ja nur für einen begrenzten Zeitraum", sagt sie. Julia Rausch hat ebenfalls am 24. Dezember abends gefeiert. "Ich war mit Verwandten im Gottesdienst bei Pater Artem. Nicht mit allen, denn in unserer Familie gibt es verschiedene Konfessionen. Aber danach haben wir gemeinsam gefeiert, mit Geschenken und Tannenbaum."

Das Fest dauert zwei Wochen

Das Weihnachtsfest dauert fast zwei Wochen, vom 25. Dezember bis zum Dreikönigstag. "Wo viele orthodoxe Christen leben, wird jeden Tag Gottesdienst gehalten", erklärt Artem Bondarenko. "Außerdem gehen wir von Tür zu Tür, singen, essen gemeinsam, Familien besuchen sich gegenseitig. Das ganze Dorf ist auf den Beinen." Alle Arbeiten, die nicht dringend sind, warten bis nach der Weihnachtszeit. Auch bei den Bondarenkos ist zwei Wochen Weihnachten. "Wir genießen das", sagt Olena Bondarenko, "denn wir haben ja vorher in der Adventszeit noch nicht gefeiert".