Laden...
Wickenreuth
Landwirtschaft

Energie wächst von ganz alleine

Landwirtin Melissa Gräf aus Wickenreuth setzt auf Selbstversorgung. Mittels Biogasanlage und Blockheizkraftwerk erzeugt sie Wärme für Stall und Wohnhaus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Den Umsatz ihrer Biogasanlage muss Landwirtin Melissa Gräf täglich dokumentieren. Foto: Adriane Lochner
Den Umsatz ihrer Biogasanlage muss Landwirtin Melissa Gräf täglich dokumentieren. Foto: Adriane Lochner
+2 Bilder

Wie Bullaugen an einem Schiff sehen die Fenster aus, über die man von außen in die Biogasanlage schauen kann. Leuchtet man mit einer Taschenlampe hinein, sieht man einen grünen Sud, der durch ein Rührwerk ständig in Bewegung ist. "Durch das Rühren kann das Gas entweichen und gelangt durch das Rohrsystem ins Blockheizkraftwerk", erklärt Melissa Gräf (23).

Die Anlage versorgt seit zehn Jahren den Landwirtschaftsbetrieb im beschaulichen Kulmbacher Stadtteil Wickenreuth mit Heizwärme. Die junge Landwirtin spart auf diese Weise die Kosten für fossile Brennstoffe, nicht nur für das Zweifamilien-Wohnhaus, sondern auch für den Schweinestall. Besonders Zuchtsauen und Ferkel seien auf konstant warme Temperaturen zwischen 26 und 28 Grad Celsius angewiesen, so Gräf, die von dem System überzeugt ist.

Stoffkreislauf im Betrieb

Das Gärsubstrat im Inneren der Biogasanlage besteht etwa zu gleichen Teilen aus Schweinegülle, Gras- und Maissilage. Was die Bakterien nicht zu Biogas umsetzen können, bezeichnet man als Gärrest. Dieser enthält immer noch zahlreiche Nährstoffe, allen voran Stickstoff, Phosphat und Kalium. Daher eignet sich der Gärrest gut als Dünger und wird mit einem modernen Güllefass auf die Felder gefahren. "So bleiben sämtliche Nährstoffe im Betrieb", sagt Melissa Gräf.

Auf den Feldern baut die Familie neben Futtergetreide auch die Substrate für die Biogasanlage an. Dass die Entscheidung auf Gras und Mais gefallen ist, hat seinen Grund.

"Als wir die Rinderhaltung aufgegeben haben, haben wir für das Grünland eine neue Verwendung gebraucht", erklärt die Landwirtin. Mais sei wichtig für die Fruchtfolge und binde von allen Feldfrüchten das meiste Kohlendioxid. Für die 23-Jährige ist es denkbar, dass sie künftig auch Alternativen ausprobiert, Sonnenblumen oder eigens für Biogas entwickelte Blühmischungen.

Strom als zweites Standbein

Die beiden Motoren des Blockheizkraftwerks, in denen das Biogas verbrannt wird, erzeugen nicht nur warmes Wasser für die Zentralheizung, sondern auch Elektrizität - und das nicht zu wenig. "Wir könnten 250 Haushalte mit Strom versorgen", so Gräf. Das sei weitaus mehr als man selbst brauche, und speichern könne man die Elektrizität auch nicht.

Daher speist der Betrieb Strom in das öffentliche Netz ein und hat dadurch Einnahmen zusätzlich zum Ferkelverkauf. "Eine Betriebsvergrößerung im Schweinebereich ist wahrscheinlich durch die neuen Verordnungen ausgeschlossen", erklärt Gräf. Ihrer Meinung nach müssten die Verbraucher ehrlicher zu sich selbst sein. "Es wird mehr Tierwohl gefordert, die Auflagen werden immer höher, aber niemand honoriert es", sagt sie. Eine Umstellung auf Bio wäre machbar, aber viel arbeitsintensiver. Und das würde man deutlich an den Lebensmittelpreisen spüren.

Täglich an der frischen Luft

Nach dem Schulabschluss hat Melissa Gräf zunächst eine Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen, doch glücklich war sie mit dieser Berufswahl nicht. "Den ganzen Tag im Büro sitzen, ist nicht mein Fall", sagt sie. Daher habe sie zusätzlich eine Ausbildung zur Landwirtin gemacht.

Nun ist sie zwar öfter an der frischen Luft, doch ganz entkommen ist sie dem Büroalltag nicht. "Landwirtschaft bedeutet heute viel Schreibarbeit", erklärt sie. Vor allem den Umsatz der Biogasanlage müsse sie täglich dokumentieren.

Abends am Computer

Für die übrigen Schreibarbeiten sitze sie abends und an Sonntagen viel vor dem Computer. "Mit dem Arbeitsstundenzählen braucht man in der Landwirtschaft gar nicht anzufangen", scherzt sie.

"Heute ist ein guter Landwirt, wer betriebswirtschaftlich etwas auf dem Kasten hat", fügt ihr Vater Armin Gräf (56) hinzu. Planung und Management seien für den Erfolg mittlerweile wichtiger als die körperliche Arbeit. Daran, dass seine Tochter einmal den landwirtschaftlichen Betrieb alleine führen kann, hat er keinen Zweifel.