Durch seine kurzfristige Entscheidung hat Jesse Berthold nur knapp einen Monat Zeit, um seine große Reise zu planen. Flüge buchen, Reiseversicherungen abschließen, impfen lassen und Ausrüstung, wie beispielsweise einen Rucksack, besorgen. Die größte Herausforderung für Jesse ist der Kauf einer geeigneten Kamera. Sie darf nicht zu groß und schwer sein, soll aber trotzdem gute Bilder machen. Als Laie ist es anfangs schwer für ihn, bei den vielen Angeboten, die Richtige zu finden.

Die zweite große Herausforderung stellt die Reiseroute dar. Denn Jesse hat nicht wirklich einen Plan, was er alles sehen möchte. Nur eins weiß er sicher: "Ich will das ganze Jahr über Sommer haben". Also wählt der Abiturient seine Route nach der Jahreszeit und dem Wetter aus. Es geht immer in Richtung Westen um die Erde.
Zuerst nach Nordamerika, über die Pazifik- Inseln nach Neuseeland und Australien und dann nach Südostasien.

Für Jesse ist es aber keine richtige Weltreise, "ich hatte nie den Anspruch, mit einer Reise die ganze Welt zu sehen". Für seine nächste Tour fehlen ihm noch Afrika, Südamerika und Antarktika. Dann hat der erst 20-Jährige alle Kontinente der Welt bereist.


Die Fidschi-Familie

Die schönste, aber auch prägendste Zeit erlebt Jesse auf den Fidschi-Inseln. Er lernt eine einheimische Familie kennen. Sie sind arm und freuen sich täglich darüber, wenn sie das Geld für eine warme Mahlzeit am Tag zusammen bekommen. "Sie sind glücklich mit ihrem Leben, obwohl sie nichts besitzen und sie haben nicht den Drang, nach westlichen Statussymbolen zu streben", bewundert Jesse seine Gastgeber.

Ihm ist aufgefallen, dass die Kommunikation mit der Familie im Gegensatz zu anderen Reisenden schwierig ist. "Wir westlich orientierten Leute reden über Dinge, die wir gemacht haben, die wir gekauft haben und die wir besitzen." Die Fidschi-Familie verreist nicht, hat nichts und kann auch nichts kaufen. Also fehlen die gemeinsamen Gesprächsthemen.

In Indien geht es dagegen nicht ganz so friedvoll zu. "Hier versucht jeder, dich über den Tisch zu ziehen oder dir alles Mögliche zu verkaufen, da muss man schon wachsam und misstrauisch sein", sagt der Weltenbummler.


Stopp im Nirgendwo

Als Jesse mit einem Bus vom Taj Mahal, dem Wahrzeichen Indiens, nach Delhi fahren will erlebt er eine kleine Überraschung, durch die er die Mentalität der Inder näher kennen lernt. Noch vor Delhi hält der Bus plötzlich mitten im Nichts auf einem Feldweg. Endstation! Die Zielanzeige des Busses lautet Delhi Zentrum. Nach dem ersten Schreck, fängt Jesse an zu überlegen, wie er jetzt in die Stadt und in sein gebuchtes Hotel kommt. Dank seiner indischen SIM-Karte, kann er sich über das Internet ein privates Taxi bestellen.

Angekommen im Hotel, gibt`s die nächste Überraschung. Das gebuchte Zimmer ist auf einmal belegt und sonst ist auch kein anderes mehr frei. Mitten in der Nacht muss sich der 20-Jährige nun in einer fremden Stadt ein anderes Hotel suchen. Aber in der Umgebung sind ebenfalls alle belegt, also kehrt er nachts um zwei Uhr zurück zu seinem ursprünglich gebuchten Hotel.

Tatsächlich ist inzwischen ein Zimmer für Jesse frei geworden, jedoch zu einem höheren Preis. "Mein Zimmer war sicherlich nur belegt, weil sie mir ein viel teureres andrehen wollten, das haben sie ja auch geschafft."
Im Nachhinein kann Jesse über die Geschichten aus Indien lachen. "So habe ich viele Abenteuer erlebt und es ist nie langweilig geworden."

Obwohl Jesse Berthold alleine auf Reisen gegangen ist, war er nie einsam. Er lernt immer wieder andere Weltenbummler kennen. Oft schließen sie sich zusammen und reisen ein Stück gemeinsam. Für ihn stellen die anderen Reisenden schon beinahe ein Problem dar. "Wenn ich immer mit anderen Leuten unterwegs bin, habe ich weniger Chancen, Einheimische kennenzulernen."


Übernachten auf der Couch

Um trotzdem in Kontakt mit ihnen zu kommen, übernachtet er oft bei Privatpersonen auf der Couch. Couchsurfing nennt man das: Eine Internetplattform vermittelt auf der ganzen Welt die Couchsuchenden zu den Couchbietenden. So lernt Jesse die Städte und Regionen nicht nur aus der touristischen Sicht kennen.

Ein weiterer Pluspunkt des kostenlosen Couchsurfings ist, dass die Reisekasse geschont wird. Unter anderem durch solche Einsparungen hat Jesse Berthold insgesamt für seine neun Reisemonate circa 8 000 Euro ausgegeben. Inklusive Flüge, Kamera und Krankenversicherung.

Durch die Reise wurde Jesse ein Stück mehr bewusst, wie groß die Welt ist und wie luxuriös wir Deutschen eigentlich leben, beispielsweise im Vergleich zu einem Land wie Myanmar, in der Armut und Kinderarbeit alltäglich sind.

Zurück in Deutschland gönnt sich der Weitgereiste keinen Moment Ruhe, sondern fährt sofort weiter, um Freunde in Berlin, Hamburg und der Schweiz zu besuchen. Vielleicht ist er inzwischen zu einem Travelaholic, einem Reisesüchtigen, geworden. Reisen wird in Jesses Bertholds Leben weiterhin eine große Rolle spielen. Später einmal. Jetzt steht aber zunächst das Studium an, das im Herbst beginnen soll.