Dass sich wohlhabende hiesige Zeitgenossen schon mal ihren eigenen Tennisplatz leisteten, etwa in Wirsberg, Kauerndorf oder in der Kauernburger Au, ist wohl bekannt. Einen eigenen Golfplatz rein für private Benutzung dagegen hat sich in unserer Region noch kein Fan der weißen Kugel zugelegt. Wohl aber einer vor 116 Jahren eine private Kegelbahn.

Man muss wissen, dass es in jener Zeit in Ermangelung von Fernsehen und anderer moderner Unterhaltungsmöglichkeiten in Stadt und Land unzählige den Wirtshäusern angeschlossene Kegelbahnen gab. Sie waren meist von einfachster Ausstattung, viele im Winter nicht beheizbar.

Eine Augenweide

Die neue, im Jahr 1898 eingeweihte Kegelbahn war das totale Gegenstück. Am unteren Hang des Plassenburgberges gelegen, der damals noch nicht mit Bäumen überwuchert und von weitem sichtbar war, war sie eine Augenweide.
Die Sportstätte der Kegel und Kugel sah aus wie ein Schlösschen. Nicht nur von außen, sondern auch im Inneren.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass sich kein einfacher Arbeiter, Beamter oder Kontorist an oder in diesem feudalen Etablissement ergötzen konnte. Nein, dieses Prunkstück war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und nur den Spitzen aus Stadt und Land vorbehalten und gegebenenfalls illustren Gästen aus entfernteren Regionen, sollten sie sich einmal in der Bierstadt aufhalten.

Ende des 19. Jahrhunderts waren aus ursprünglich kleinen Braustätten Großbetriebe entstanden; Kulmbacher Bier war weltbekannt. Aus den fleißigen, strebsamen Maische rührern waren in wenigen Jahrzehnten moderne, neureiche Unternehmer oder Mehrheitsaktionäre geworden. Das bezeugen auch die Stadtvillen von Georg Täffner/Monglowski, Lorenz Sandler und Rizzi im Kressenstein oder der Lobinger Prachtbau in der Kronacher Straße. Ganz zu schweigen vom Meußdoerffer-Palais am Schießgraben.

Prosperierendes Gewerbe

Aber auch andere Gewerbe prosperierten. Die Mühlen zum Beispiel. Am erfolgreichsten in diesem Gewerbe war die Limmer-Dynastie, unter Hermann Limmer erreichte man den geschäftlichen Höhepunkt um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Im Gegensatz zu seinen Pendants aus der Biersieder-Branche kümmerte sich Konrad Hermann Limmer engagiert auch um öffentliche Belange. Seit 1875 war er im Magistrat, Landtagsabgeordneter, Landrat, langjähriger Vorstand des Gemeindekollegiums, des Bezirksgremiums für Handel und Gewerbe und schließlich noch Direktor des Gewerbe- und Vorschussvereins. Später auch Ehrenbürger.

Eigentlich hatte er alles erreicht, was zu erreichen war. Doch damit nicht genug. Er und sein Bruder hatten drei heranwachsende Töchter: Laura, Marie und Sophie Limmer. Die mussten unter die Haube gebracht werden. Nein - nicht einfach verheiratet. Die Stellung und der Besitz erforderten mindestens standesgemäße Ehebündnisse. Das war Gebot. Aber was tun? Wie konnten wohlsituierte Freier auf die Jungfern aus dem Mühlengewerbe aufmerksam werden? Dazu bedurfte es nach Limmer eines gesellschaftlichen Rahmens. Und am idealsten einen solchen, wo er und sein Bruder die Treffen selbst in die Hand nehmen und terminieren konnten. Am besten eine Kegelbahn.

Über den Standort brauchte man nicht lange nachzudenken. Jenseits des Mühlenbetriebes über dem Main, oberhalb der Unteren Buchgasse am Plassenburgberg verfügte man über das geeignete Gelände. Es sollte natürlich etwas Besonderes sein. Und das wurde es auch: Ein Schlösschen.

Schon von weitem war das neu entstandene, rot gedeckte Fachwerk-Prunkstück mit Turm zu bewundern. Am 15. Juli 1898 war es soweit, die Räumlichkeiten wurden für den elitären Hochzeitmarkt eröffnet. Im Gästebuch sollten sich nach und nach alle Namen der Spitzen der Kulmbacher Gesellschaft wiederfinden. Hier nur ein bescheidener Auszug: Michael Täffner, sein Schwiegersohn Monglowski, die Brauerfamilien Sandler, Haberstumpf, Meußdoerffer, Eichenmüller, aus der Malzbranche Ruckdeschel, Theodor Spruner von Mertz und Zeitler aus der Blaich, die Unternehmerfamilien Trendel und Sauermann, der Heimatmaler Michel Weiß und der Rolex-Vater Hans Wilsdorf.

18 Jahre in Betrieb

Neben den schwungvollen oder krakeligen Unterschriften der Prominenz stachen die Namenszüge der Limmerstöchter in ihrer mädchenhaften sauberen Schrift besonders hervor. Natürlich waren sie bei allen Anlässen dabei. Man muss wissen, dass diese gesellschaftlichen Highlights mit Kegeln als Alibi nicht regelmäßig stattfanden. Nur einige Male im Jahr.

Insgesamt war das Kegelidyll nur achtzehn Jahre in Betrieb. Als der Erste Weltkrieg in vollen Zügen tobte, entschloss sich Hermann Limmer, die Stätte des Vergnügens zu schließen. Die Abschiedsvorstellung gab es am 10. Oktober 1916.

Zweck erfüllt

Aber die Kegelbahn hatte ihren Zweck erfüllt. Zwei der drei Limmersmädchen waren gut unter die Haube gebracht worden: Im Oktober 1904 wurde Laura Limmer mit Generalleutnant Oskar von Rittmann aus Frankfurt vermählt. Marie Limmer und Oberst Ludwig Aufhammer aus Prien am Chiemsee gaben sich im September 1913 das Ja-Wort. Die Kegelbahn wurde nie wieder eröffnet oder benutzt.

Erst im Jahre 1986 wechselte die verwaiste und vom Zeichen der Zeit befallene Baulichkeit ihren Besitzer. Für die neuen Eigentümer Hans Hühnlein und seine Frau Gertraud schien sie besonders geeignet. Nicht aus sportlichen Gründen. Nein, beide hatten fünf Kinder - und die ehemalige Sportstätte bot genügend Raum für die Großfamilie.