Wie ein mittelalterliches Ritterpferd sieht Hannoveraner-Wallach Dawson aus, wenn er im Wald unterwegs ist. Reiterin Bettina Lange hat ihn in eine Fliegendecke gehüllt, die einer Rüstung ähnelt. Grund dafür ist ein kleiner Plagegeist, den noch kaum jemand kennt: die Hirschlausfliege.

Sie parasitiert vor allem Rehe und andere Hirsche, wird aber von allen großen, dunklen, sich bewegenden Objekten angezogen. Wenn sie auf einem potenziellen Wirt gelandet ist, streift sie ihre Flügel ab und verschwindet dann im Fell. Dort macht sie sich zu Fuß auf die Suche nach einer passenden Stelle zum Blutsaugen.

"Die Stiche müssen extrem schmerzhaft sein", sagt Lange. Denn Dawson, der normalerweise ein zuverlässiges und ruhiges Geländepferd ist, sei in Panik ausgebrochen. "Einmal habe ich es gerade noch geschafft, abzuspringen", erzählt sie. Vor einigen Jahren ist sie aus dem Rheinland hergezogen. "Hirschlausfliegen kannte ich bis dahin noch nicht", sagt Lange.

Lediglich die Inhaberin des Reitstalls Schloß Wernstein, Sabine Weich, konnte das seltsame Verhalten des Pferdes aufklären: "Hirschlausfliegen haben wir hier seit acht bis zehn Jahren, in Unterfranken gibt es sie schon länger." Vor allem am Patersberg sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass Pferde angeflogen werden. Aber nicht nur dort. Auch Reitstallinhaber in Neufang und Heubsch berichten von solchen Zwischenfällen. Und nicht nur Pferde, sondern auch Menschen und Hunde werden angeflogen.

Puppen überwintern im Boden

Professorin Heike Feldhaar, Tierökologin an der Universität Bayreuth, erklärt: "Die Hirschlausfliege ist noch nicht gut erforscht, weil sie bisher bei uns hauptsächlich an Wildtieren vorkam." Doch auch sie hat am eigenen Leib Erfahrungen machen müssen. Beim Joggen in einem Bayreuther Waldgebiet wurde sie diesen Sommer bereits zweimal angeflogen.

"Meist landen die Lausfliegen im Nacken. Man spürt sie krabbeln und kann sie meistens noch rechtzeitig entfernen", erklärt die Wissenschaftlerin. Warum die Tiere bereits jetzt unterwegs sind und nicht wie üblich im Spätsommer und Herbst, kann sie nur vermuten. "Die Hirschlaus ist lebendgebärend. Die Weibchen bringen Larven zur Welt, die sich relativ schnell verpuppen und vom Wirt abfallen." Da die Puppen im Boden überwintern, sind warme Winter mit wenig Bodenfrost förderlich für die Tiere. Hinzu komme, dass die Bestandsdichte von Rehen zunimmt. "Mehr Rehe bedeuten auch mehr Hirschlausfliegen", so Feldhaar.

Obwohl vollgesaugte Hirschläuse einen ähnlich geschwollenen Hinterleib haben wie Zecken, gibt es deutliche Unterschiede: "Die Hirschlausfliege gehört wissenschaftlich zur Ordnung der Insekten, die Zecke zu den Spinnentieren", erklärt Feldhaar. Während eine Zecke nur einmal saugt und dann abfällt, lebt die Hirschlausfliege auf dem Wirt und sticht mehrmals zu.

Im Gegensatz zur Kopflaus kann sich die Lausfliege aber nicht auf dem Wirt vermehren und durchlebt daher nur eine Generation. Auf dem Menschen bleibt die Hirschlausfliege nicht lange. "Spätestens beim nächsten Haarewaschen ist sie weg", so Feldhaar. Problematisch können die Stiche trotzdem sein.

Hauptsächlich Pferde betroffen

Ähnlich wie Zecken übertragen Hirschlausfliegen Bakterien. Diese gehören der Gattung Bartonella an und können beim Wirt Entzündungen und Fieber verursachen. Ob das auch beim Menschen der Fall ist, ist noch nicht klar.

Thomas Koch, Allgemeinarzt in Mainleus und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Kulmbach, hat zwar regelmäßig mit der Hirschlausfliege zu tun, aber nicht beruflich, sondern bei der Jagd. "Wenn man Rehe aus der Decke schlägt, krabbeln einem die Hirschläuse die Arme hoch", erzählt er. Gestochen wurde er bisher noch nicht. Koch zufolge macht es durchaus Sinn, einen Stich, egal ob Hirschlaus, Zecke oder anderes Tier, zu beobachten. "Wenn der Stich weh tut, sich stark rötet oder anschwillt, sollte man zum Arzt", sagt Koch.

Obwohl man im Internet viel zum Thema liest, gab es in der Region bei Hunden noch kaum Infektionen. Eine Umfrage bei Kleintierärzten ergab, dass in den vergangenen Jahren lediglich vereinzelt Hunde wegen Hirschlausbefalls behandelt wurden. Bei Pferden sieht es anders aus. Tierarzt Johannes Mertens aus Bayreuth behandelt im Jahr etwa zehn bis 20 Pferde mit Hirschlausbefall. "Wie stark die Reaktion ausfällt, ist von Pferd zu Pferd verschieden", sagt er. Es komme aber durchaus vor, dass die Tiere sediert werden müssten, weil sie zu panisch seien, um sie nach den Plagegeistern abzusuchen. Oft reicht es, die Hirschlaus zu entfernen, doch teilweise führten die Stiche zu Hautausschlägen, Entzündungen oder gar Fieber. Das könne man zwar gut behandeln, aber "wenn man weiß, dass man in einem gefährdeten Gebiet ist, sollte man vorbeugen." Dazu gibt es Fliegennetze, Sprays oder sogenannte Pour-ons, die man auf die Haut träufelt. "Gefühlt nehmen die Fälle zu", sagt Mertens. Dieses Jahr gab es bereits zwei im Bayreuther Land und das, obwohl die Hauptflugzeit noch kommt.