Immer wieder ist er bei seinen regelmäßig zum 9. November abgehalten Mahnwachen am Holzmarkt gefragt worden, ob er selbst Jude sei. Stets war seine Antwort: "Nein, aber ein Freund der Juden".

Doch Gerd Brikzinsky (1926-2009) war nicht nur ein Freund der Juden, mit offenen Armen begegnete er jedermann. Am Eingang seiner Wohnung am Magister-Goldner-Platz gegenüber der Mangersreuther Kirche hatte er ein Schild angebracht: "Tritt ein! Herzlich willkommen".

Liebe und Frieden unter die Menschen zu bringen, hatte er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Dazu sollten aufsehenerregende Aktionen beitragen: Wenn er zum Beispiel zum Volkstrauertag auf den Treppen des Kriegerdenkmals Transparente mit der Inschrift "Nie wieder Krieg" oder "Um Gottes Willen, haltet Frieden" entrollte. Oder wenn er im Dezember 1989 bei dem in Kulmbach stattfindenden US-Manöver "Weißer Fuchs" einen Teppich mit weißen Friedenstauben aus Papier vor die Panzer legte.

Er mischte sich ein

Brikzinsky wollte "Citoyen" sein - ein mündiger, sich in die Politik einmischender Bürger wie zur Französischen Revolution. Er hat sich selbst auch stets als "Bürger Brikzinsky" bezeichnet und ist vom Kulmbacher Künstler Werner Götz als Rebell gegen die Obrigkeit auf eine Schieferplatte gemalt worden. Legendär waren seine Eingaben an die Verantwortlichen im Rathaus. Wurden sie nicht beachtet, bohrte er immer wieder nach - und oft auch mit Erfolg: So ist das Straßenschild "Waaggasse" durch ein neues mit dem Zusatz "Bis 1845 Judengasse" ausgetauscht worden.

Schild ist verschwunden

Leider ist es bei der Sanierung des "Ratskellers" verloren gegangen, ohne dass sich der Eigentümer um Ersatz bemüht hätte oder von der Stadt dazu aufgefordert worden wäre.

Der in Darmstadt geborene Brikzinsky kam 1975 nach Kulmbach, nachdem er einige Zeit davor in Salem bei Stadtsteinach gearbeitet hatte. Den Schwachen und Benachteiligten wollte er lebenslang helfen, als Heilerziehungslehrer, als Kranken- und Altenpfleger, als Betreuer im Flüchtlingsheim.

Traumatische Erlebnisse

Der Wendepunkt in Gerd Brikzinskys Leben war der Zweite Weltkrieg. Traumatische Erlebnisse, über die er auch Jahrzehnte später nicht sprechen wollte, bewegten ihn, nach Kanada auszureisen, um sich den Hutterischen Brüdern anzuschließen. In der Glaubensgemeinschaft lernte er Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde kennen sowie den radikalen Pazifismus der Bergpredigt. Auf Dauer konnte er jedoch nicht bei den Täufern bleiben, da seine erste Ehe geschieden worden war und dies mit der göttlichen Ordnung der Hutterer nicht vereinbar ist.

Unrecht, Hass, Gewalt, ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart, nahmen ihn mit. Das Leid, das den jüdischen Mitbürgern in seiner neuen Heimat Kulmbach angetan worden war, kannte er genau. Auch die Vorgänge am Tag nach der "Reichskristallnacht", als die jüdischen Haushaltsvorstände Karl Weiß, Nathan Flörsheim, Siegmund und Karl Strauß in "Schutzhaft" genommen und für Tage in den Fronfestenturm gesperrt wurden.

Der gemeinste Übergriff, der schon am Vormittag in der Oberen Schule passierte und von dem dort unterrichtenden Pfarrer Walter Höchstädter aufgeschrieben worden ist, rührte in zu Tränen: Der Rektor der Schule führt den zehnjährigen, dunkellockigen Albert Davidsohn als typisches Judenkind durchs Schulhaus. Die Mitschüler verfolgen mit Spott und Gelächter den Vorgang.

Ein mahnende Erinnerung

Doch mit Verfolgung und schließlich der Ermordung von elf Kulmbachern jüdischen Glaubens von gut 30 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde wollte er nicht enden: Bei seiner Mahnwache am Zinsfelder hat er immer auch an die Familien erinnert, die 1903 in Kulmbach voller Zuversicht eine neue jüdische Gemeinde gegründet haben. Für gut zwei Jahrzehnte war es ein gut nachbarliches Miteinander, eine gegenseitige Bereicherung in Religion, Sprache und Brauchtum. Für diese Form des Zusammenlebens hat "Bürger" Gerd Brikzinsky gekämpft.