Was am 28. September 1980 ganz klein begann, hat sich zu einer wichtigen Größe nicht nur im Landkreis Kulmbach, sondern in der ganzen Region Oberfranken entwickelt. Die Waldorfschule Wernstein feiert in diesem Herbst ihr 40-jähriges Jubiläum, und das zunächst durch Corona bedingt im Stillen. "Aber wir hoffen auf das kommende Jahr, denn wir haben beschlossen, das gesamte Schuljahr zum Jubiläumsjahr zu erklären", sagt Franziska Bartels, Lehrerin und Mitarbeitern der Schulleitung.

Ihre Eltern, Reinhart und Irmgard Engelen, waren einst aus Stuttgart nach Oberfranken gekommen, um auf dem Fundament aufzubauen, das Karl Ludwig Freiherr von Künßberg im Jahr 1972 gelegt hatte. "Er hatte einen Waldorfschulverein gegründet, aber es gab nur einen Kindergarten für wenige Jahre", erklärt Franziska Bartels.

Mit zehn Kindern der Jahrgangsstufen eins bis vier startete 1980 schließlich der Schulbetrieb unter der Federführung von Reinhart Engelen, "und die Schule ist schnell gewachsen." Für ihren Vater sei insbesondere das Umfeld in Wernstein und Veitlahm sehr wichtig gewesen, die Gemeinschaft und ein solidarisches Zusammenleben ganz nach dem Motto: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.

Reinhart Engelen war zuvor selbst Lehrer an der ersten Waldorfschule Deutschlands in Stuttgart gewesen, er wollte aber mehr machen. "Diese besondere Gemeinschaft im Schulumfeld ist es noch heute, was viele Familien dazu bewegt, sogar extra wegen uns hierher zu ziehen", sagt Waldorflehrerin Bartels.

Inzwischen beschult die Waldorfschule Wernstein 140 Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse, 70 Kinder nutzen die offene Ganztagsschule. "Wir werden jetzt zwar offiziell als Mittelschule bezeichnet, aber an unserer Waldorfpädagogik hat sich nichts geändert", erklärt sie.

In vielen Städten hätten Waldorfschulen inzwischen einen sehr elitären Stand, "das ist aber bei uns ganz anders." In Wernstein fänden sich die unterschiedlichsten Kinder mit vielschichtigen Hintergründen. "Wir können auch schwächere Kinder aufnehmen, weil unsere Klassen nicht so voll sind." Ohne Notendruck könne man den Kindern die Zeit geben, die sie brauchen, wobei die praktische Ausrichtung einen hohen Stellenwert habe.

"Das ist auch ein Punkt, der mich von der Waldorfpädagogik überzeugt hat", bestätigt Wolfgang Kaufmann, 31 Jahre. Seit knapp zwei Jahren unterrichtet der studierte Realschullehrer für Biologie und Englisch als Klassenlehrer an der Waldorfschule Wernstein und kann direkte Vergleiche zu einer staatlichen Schule ziehen. "Ich finde es gut, bis zur 8. Klasse bei meiner Klasse bleiben zu können, so sind wir in der Lage, uns richtig kennen zu lernen und eine gute Beziehung aufzubauen." Die Wernsteiner Schule erinnere ihn an eine alte Dorfgrundschule, in der ein enges Miteinander herrschte. "Ich gehe auch nicht mit einem schlechten Gewissen nach einem Schultag nach Hause, vielleicht einen Schüler übersehen zu haben."

Zweckgebunden lernen

Und was ihn ebenfalls beeindruckt: "Die Schülerinnen und Schüler lernen bei uns zweckgebunden, es gibt immer einen praktischen Bezug." So würde man nicht nur Rechnen unterrichten, sondern dies immer in Geschichten, die am konkreten Leben orientiert sind, verpacken.

Seine Kollegin Anette Konnow (59 Jahre) sieht das ähnlich. Die studierte Diplom-Kulturpädagogin ist schon ein alter Waldorfhase, unterrichtet seit 25 Jahren Kunst und Handarbeit. "Ich komme aus einer Lehrerfamilie, wollte aber selbst nie Lehrerin werden", lacht sie heute. Erst ihre Schwester, die Waldorfpädagogik studierte, brachte sie auf den Geschmack. "Mir gefällt, dass ich die Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse lang begleiten kann, ich wollte nicht mehr länger nur Projektarbeit machen, das war mir zu wenig."

In ihrem Handarbeitsunterricht produzieren die Kinder keine Staubfänger für die Ecke, sondern in der 4. Klasse lernen sie, was ein Kreuzstich ist, in der 7. Klasse stellen sie Filzschuhe her.

Bereits ab der ersten Klasse lernen die Waldorfkinder Fremdsprachen - in Wernstein ist es die Erstsprache Englisch und die Zweitsprache Russisch. "In den Anfangsjahren wurde auch Französisch unterrichtet, weil eine Gründungsmutter Französischlehrerin war", weiß Franziska Bartels. Um 1989 herum habe man sich jedoch in den Osten orientiert, um den Kindern noch eine ganz andere Mentalität näher zu bringen. Für diese Öffnung nach dem Osten habe man sich bewusst entschieden, und nach der Wende sei es auch einfach gewesen, entsprechende Lehrer zu finden.

Natürlich habe die Waldorfschule Wernstein, die sich in Vereinsträgerschaft befindet, in den vielen Jahren auch Täler durchschreiten müssen, aber "wenn man diese Schule wirklich will, übersteht man solche Phasen." Es habe manche Jahre gegeben, in denen die Lehrer sogar auf einen Teil des Gehalts verzichtet hätten Das habe stark gemacht. "Wir dienen inzwischen sogar als Rollenmodell für kleine Schulen in der Waldorffamilie, denn finanziell rechnen sich offiziell nur die Großen", sagt Franziska Bartels stolz.

Viele Herausforderungen

Doch nicht nur finanziell, auch räumlich galt es einige Herausforderungen zu bewältigen. "Ganz am Anfang waren wir als erste Waldorfschule in Oberfranken in dem Haus gegenüber dem Schloss Wernstein untergebracht." Freiherr von Künßberg hatte dies als Gönner zur Verfügung gestellt. Dann zogen einzelne Klassen mit ins untere Schloss, es folgte ein Abstecher ins Schloss Schmeilsdorf, ein Zwischenstopp in der Spinnerei Mainleus, dann in die Räume am Patersberghof (rund um das heutige Patersbergcafé), bis 1994 das erste Gebäude auf dem Gelände in Veitlahm bezugsfertig war.

Heute erstreckt sich die Waldorfschule Wernstein über ein großes Areal mit viel Freiraum zum Gärtnern, Werken und Austoben. "Wir packen den Kindern einen dicken Rucksack fürs Leben", sagt Anette Konnow, und Franziska Bartels ergänzt: "Wir wollen zur Freiheit und nicht zum Gehorsam erziehen."