Ein aufgedrehtes Mädchen, das zu ihrem Lieblingssong tanzt - sieht man Arwa zu, hat man nur Augen für ihr strahlendes Gesicht, die Behinderung rückt in den Hintergrund. Sonja Popp zeigt uns ein Video der Neunjährigen und man merkt ihr die Begeisterung an. Seit vielen Jahren bemüht sie sich um die Familie, fast so lange begleitet die Bayerische Rundschau die Entwicklung der kleinen Ägypterin.

Diagnose: Dysmelie

Das Mädchen ist mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen: Dysmelie lautete die Diagnose. Bei Arwa fehlt der linke Arm komplett, an der rechten Seite hat sich nur ein Stumpf ausgebildet. Auch von der Hüfte abwärts ist der Körper schwer fehlgebildet. Vermutlich ist das Mittel Contergan für die Missbildungen des Mädchens verantwortlich, das in Ländern wie Ägypten erschreckenderweise immer noch in Medikamenten im Umlauf ist.

Popp lernt die Familie 2008 bei einem Ägypten-Besuch kennen. Seitdem nimmt sie am Schicksal der kleinen Arwa teil. Sie sammelt Spenden und reist immer wieder nach Hurghada, um die Familie zu besuchen. Gemeinsam mit verschiedenen Hilfsorganisationen ermöglicht sie Arwa und ihrer Mutter Bosaina Reisen nach Deutschland. So werden auch mehrere Operationen in Heidelberg, Prothesen für das Mädchen und ein spezielles Bobby-Car finanziert.

Mittlerweile ist Arwa fast zehn und geht auf eine Sonderschule. "Mit Förderschulen bei uns kann man das nicht vergleichen, das ist weit unter dem Niveau, das bei uns geboten wird", erklärt Popp. Doch dass Arwa überhaupt in die Schule geht, sei nicht selbstverständlich. In einem Land wie Ägypten, in dem ein Mensch mit Behinderung als Mensch zweiter Klasse gelte, fielen Kinder wie Arwa schnell unter den Radar. Optimal sei die Schule natürlich nicht, denn Arwa sei zwar körperlich schwer behindert, aber hochintelligent. Zumindest körperlich wird die sie gefördert. Schwimmen, Karate und Billard stehen auf dem Stundenplan. "Es ist schön zu sehen, wie sie sich beim Karate verausgabt, aber Therapie und wichtige Medikamente kann das nicht ersetzen", bemängelt Popp. Einrichtungen für Ergotherapie, welche die Kleine dringend nötig hätte, seien in Hurghada nur schwer zu finden.

Wenig Perspektiven

Dass Arwa so aufgeschlossen und glücklich ist, bewundere Popp. Sie hofft, dass sie sich das auch als herangehende Erwachsene beibehält. "Sie ist so ein selbstbewusstes, fröhliches Kind, sie möchte so gerne eigenständig sein und alles ausprobieren", erzählt sie. Wo in Deutschland betreute Wohneinrichtungen eine Perspektive sind, ist für Patienten mit Dysmelie in Hurghada die Aussicht schlecht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort ein solches Angebot gibt, und wenn, dann ist es unbezahlbar", so Popp.

Rund 600 Pfund - das sind umgerechnet knapp 35 Euro - erhält die ägyptische Mutter für sich und ihr schwerbehindertes Kind. Wirft man einen Blick auf die Ausgaben, allein 1500 Pfund für Miete, fragt man sich, wie sie da über die Runden kommen soll. "Kaum, denn nach diesen Ausgaben hat man ja auch nichts gegessen", erklärt Sonja Popp.

Auch das Familienauto frisst Geld, das die arbeitslose Mutter nicht aufbringen kann. Doch ohne das Auto ist das Leben für Arwa auf das eigene Haus beschränkt, der Schulbesuch nicht möglich. Arwas Vater ist vor einigen Jahren verstorben, von ihrem neuen Ehemann hat sich die Mutter kürzlich scheiden lassen. Bis Unterhaltsansprüche geklärt sind, lebt die Familie von der staatlichen Förderung.

Geld und Arbeit fehlen

Arbeiten gehen kommt für die Mutter momentan nicht in Frage. Denn auch wenn Arwa selbstständig gehen kann, der Toilettenbesuch geschweige denn der Schulbesuch ist ohne die Mutter nicht möglich. Die 22-jährige Schwester Amira ist seit langem verzweifelt auf der Suche nach einer Anstellung. Sonja Popp ist für jeden Hinweis dankbar, wie man der Familie vor allem mit einem Arbeitsplatz für die Schwester helfen kann. Sie möchte auch weiter Geld sammeln.
Unterstützt wird sie dabei von Peter Bürgin von der Opferhilfe Oberfranken, der über das Spendenkonto des Vereins für Arwa sammeln will. Dass das nur eine kurzfristige Erleichterung sei, ist Sonja Popp bewusst. "Was das Land braucht sind Stabilität, Arbeitsplätze und Hilfe zur Selbsthilfe", sagt sie. Das könne kein Verein bieten - die Politik ist laut Popp gefragt.

Hilfe für Arwa

Sie wollen Arwa und ihre Familie unterstützen? Spenden können Sie unter dem Stichwort "Arwa" an das Spendenkonto der Opferhilfe Oberfranken e.v. IBAN: DE32 7706 1004 0000 0029 17