Am 4. August 1972 steht Kulmbach schon am frühen Morgen Kopf. Das Rathaus ist festlich geschmückt und beflaggt. Auf der Treppe davor, zwischen den riesigen Prunkfässern, steht die Prominenz bereit - OB Erich Stammberger mit Amtskette, Staatssekretär Karl Herold, der stellvertretenden bayerischen Ministerpräsident Philipp Held.


Hunderte Schaulustige


Hunderte Schaulustige haben sich auf dem Marktplatz eingefunden, Bierfestkapelle unter Schorsch Müller und die Knabenkapelle unter Poldi Schott und die Schäfflertänzer stehen in Reih und Glied.

Um zehn Uhr endlich die hohen Besucher ein. Hilda Heinemann wird mit einem Blumenstrauß begrüßt, der Bundespräsident bekommt einen Zwei-Liter-Humpen mit Festbier gereicht, an dem er zaghaft nippt. Danach im Rathaussaal festlicher Empfang durch den Stadtrat und der Eintrag ins Goldene Buch.

Die Stadt konnte es als Auszeichnung verstehen, den dritten Bundespräsidenten (1969-1974) des Bundesrepublik Deutschland empfangen zu können. Dafür eingesetzt hatte sich der Kulmbacher SPD-Abgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär für innerdeutsche Beziehungen Karl Herold, der dem Bundespräsidenten die Sorgen des Zonenrandgebiets vor Augen führen wollte. Doch auch seine Gattin Hilda hatte wohl ein gewichtiges Wörtchen eingelegt. Die First Lady, eine Kunstliebhaberin und -sammlerin, war ein Rauh-Fan. Sie wollte Caspar Walter treffen und hat ihn im Vorfeld des Besuchs gebeten, für sie eine Ausstellung zusammenzustellen.


Kunst-Schau speziell für die Präsidentengattin


Als ihr Mann am frühen Nachmittag im Hotel Parkhaus mit Vertretern der Wirtschaft, der Verbänden und Jugendlichen zusammenkommt, besucht sie zusammen mit Leni Herold und Annemarie Stammberger das Awo-Altenheim an der Johann-Brenk-Straße. Sie spricht mit Senioren und der Heimleitung, dann aber begibt sie sich in die Vorhalle, in der der Rauh mit einer umfangreichen Werkschau auf sie wartet.

Die damaligen Zeitungen berichten, dass sich die Präsidentengattin so in die ausgestellten Blätter vertieft, dass der Protokollchef nervös wird und zum Aufbruch drängt, da der Helikopter für den Abflug wartet. Bürgermeister Hans- Dieter Lotz bedankt sich ein paar Tage später (14. August) bei Rauh schriftlich für seinen "Frau Heinemann tief bewegenden Beitrag für die Programmgestaltung".


Privatbesuch im Atelier


Hilda Heinemann war das außergewöhnliches Talent des Zeichners - nicht weniger seine wirtschaftliche Bedrängnis - seit Längerem bekannt. Wie sich der Bayreuther Verleger Wolfram Benda erinnert, ist sie über den gebürtige Kulmbacher Kunsthändler Hermann Walther, der eine renommierte Galerie in Düsseldorf unterhalten hat mit Ausstrahlung in ganz Nordrheinwestfalen, mit Radierungen Rauhs bekannt geworden. Sie setzt sich für seine Förderung durch die "Deutsche Künstlerhilfe" ein, eine beim Bundespräsidialamt angesiedelte Stiftung.

Rauh bekommt am 2. Juli 1971 eine erste Marge in Höhe von 800 Mark zugewiesen. In dieser Zeit besucht Hilda Heinemann die Familie Rauh auch privat in ihrer Wohnung in der Kohlenbachgasse 9. Die Tochter des Künstlers, Sabine Lohse-Rauh, berichtet in der 2012 vom Kunstmuseum Bayreuth herausgegebenen Briefwechsel-Sammlung ihres Vaters von der Begegnung.


Anschlag bei den Olympischen Spielen


Nach dem Besuch in Kulmbach fliegen die hohen Staatsgäste nach einem kurzen Aufenthalt in der Bonner Villa Hammerschmidt nach München weiter. Dort eröffnet der Bundespräsident am 26. August die Olympischen Spiele. Wenige Tage später erfolgt der erste große Terroranschlag in der Bundesrepublik: das palästinensische Kommando "Schwarzer September" nimmt elf Geiseln der israelischen Olympiamannschaft und ermordet sie.

Das Attentat trifft Heinemann schwer. Am 6. September hält der im Olympiastadion eine bewegende Trauerrede. Der Besuch Kulmbachs ist in eine denkwürdige Zeit gefallen.