Thomas Kretschmar ist seit vier Jahren Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Kulmbach. Er hat in den letzten Tagen versucht, die Gemeinden bei der Klärung der vielen Fragen rund um die Gottesdienste in Lockdown-Zeiten zu unterstützen. Kretschmar gibt die Informationen der Landeskirche an die Kirchengemeinden mit ihren Mitarbeitenden weiter. Im Interview spricht er darüber, warum es richtig ist, an Heiligabend Gottesdienste zu feiern.

Viele Menschen verstehen nicht mehr, warum alles verboten wird im Lockdown, aber noch immer Gottesdienste gefeiert werden. Das ist unfair und gefährlich, sagen die Leute.

Thomas Kretschmar: Die rechtliche Antwort hilft uns nicht wirklich weiter: Natürlich dürfen wir Gottesdienste feiern, weil es in den entsprechenden Verordnungen erlaubt wird und uns das Grundrecht auf Religionsfreiheit schützt, wie es in der Verfassung steht. Die Frage ist aber, ob man alles tun darf, was erlaubt ist.

Manche Kirchenvorstände haben beschlossen, keine Gottesdienste im Lockdown zu feiern. Wie stehen Sie dazu?

Die Kirchenvorstände dürfen das entscheiden. Das ist ihr Recht und das ist okay so, weil auch bei Kirchen demokratische Rechte gelten und die Kirchengemeinden bei Gottesdiensten selber entscheiden müssen. Ich persönlich finde es aber falsch, weil es die gesellschaftliche und geistliche Aufgabe von Gottesdiensten verkennt.

Welche Aufgaben hat denn der Gottesdienst in Pandemiezeiten?

Ich denke an die vielen Menschen, die alleine ihr Weihnachtsfest verbringen müssen, weil sie niemand besucht, weil die Kinder weit weg sind und weil sie auch Oma und Opa nicht gefährden wollen. Der Gottesdienst wird die einzige Chance sein, dass sie in diesen Weihnachtstagen überhaupt jemanden sehen oder jemandem begegnen.

Wir reden immer von den Kollateralschäden der Pandemie: Vor allem die Schließung von Gaststätten oder Geschäften wird dann benannt. Ja, da entstehen große Verluste, die auch staatliche Zuschüsse nur zu einem Teil ausgleichen können. Aber niemand redet von den seelischen Schäden, wenn Menschen alleine an Heiligabend sind. Diese Schäden wird man nicht in Euro und Cent beziffern können, aber sie sind da, und wir wollen sie mit unseren Gottesdiensten in Grenzen halten.

Sie haben auch von einer geistlichen Aufgabe der Gottesdienste gesprochen. Was meinen Sie damit?

Gottesdienste sind nicht nur für die da, die sie besuchen und darin "seelisch auferbaut" werden, die darin Stärkung und Trost erfahren. Sie haben auch eine gesellschaftliche Funktion, denn dort beten öffentlich Pfarrerinnen und Pfarrer für das Wohl der Stadt und des Landes, für die Gesellschaft. Im öffentlichen Gebet bekennen wir, dass wir auf Gottes Begleitung in dieser Welt und in dieser schweren Zeit vertrauen. Denn das ist die theologische Grundbotschaft von Heiligabend: Gott lässt seine Welt nicht allein, sondern sendet in Jesus Christus Hoffnung und einen neuen Anfang in diese Welt. Und wir halten auch stellvertretend Gottesdienste. Im Unterschied zu Ostern, wo nur die Glocken läuteten und jeder wusste, es findet kein Gottesdienst statt, wissen die Menschen: Jetzt, in diesem Moment, hält meine Gemeinde Gottesdienst, und sie können sich im Gebet und in Gedanken verbunden fühlen.

Aber daran muss man glauben. Was sagen Sie denen, die nicht daran glauben?

Natürlich: Der Glaube und das Gottvertrauen entfalten nur in denen Kraft, die daran glauben. Den Atheisten möchte ich folgenden Gedanken auf den Weg geben: Weihnachten ist gesellschaftlich viel tiefer eingebunden als das Osterfest. Es ist in der westlichen Welt wohl das bedeutsamste Fest, in der Familie, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Sogar in Japan stehen inzwischen Weihnachtsbäume auf den Straßen. Die Werte von Weihnachten, die ich mit Hoffnung auf die Kraft des Friedens und die Liebe und Zuneigung als Zukunftsmodell für diese Welt beschreiben möchte, werden ohne die christliche Tradition hohl.

Hinter jedem noch so säkularen Weihnachtsmann oder Santa Claus vom Nordpol steht die alte Geschichte aus dem Lukasevangelium, die von der Geburt des Heilandes erzählt und den Menschen Mut gibt. Wenn wir keine Gottesdienste mehr an Heiligabend feiern, wird das ganze Weihnachtsfest hohl.

Dann bleibt noch die reale Infektionsgefahr. Die Gottesdienste könnten zu Hotspots werden, weil an Weihnachten doch alle Gottesdienste überfüllt sind.

Umfragen sagen, dass heuer statt 30 Prozent der Mitglieder der christlichen Kirchen nur 10 Prozent an Heiligabend in die Kirchen kommen wollen. Also nur ein Drittel. Von Überfüllung kann dann keine Rede sein. Nach meinen Erfahrungen in der Petrikirche werden noch weniger Menschen kommen. Bei uns ist erst ein Bruchteil der Eintrittskarten abgeholt worden. Ich denke, die Leute sind sehr vorsichtig und übernehmen Eigenverantwortung. Daneben hatten die Gemeinden über ein halbes Jahr Zeit, Hygienekonzepte zu optimieren. Es haben sich Abstandsregeln und Handdesinfektion eingespielt. Die Leute tragen Maske, singen nicht und wissen, dass sie die Kirche wieder zügig verlassen. Mit dem gleichen Argument müssten alle Busfahrten oder auch der Schulunterricht verboten werden, weil da auch Risiken bestehen.

Also bestehen doch Risiken beim Gottesdienstbesuch?

Ja, natürlich. Es gibt keine risikofreie Pandemie-Zeit. Aber es geht um eine Interessenabwägung, zwischen Grundrechten, sozialen Nöten, kultureller Bewahrung und geistlichen Funktionen. In der Abwägung aller dieser Güter halte ich es für richtig, dass wir Gottesdienste feiern. Dazu vielleicht noch ein letzter Gedanke: Es gibt aber kein Grundrecht auf Theaterbesuch und Konzert-Teilnahme. Oder auf Gaststätten-Besuch. Die Freiheit der Kunst bedeutet eben nicht, die Freiheit ins Theater zu gehen. Der Einzelne, die Einzelne hat aber das Recht, die Religion frei auszuüben. Die Kirchen stellen mit Gottesdiensten den Raum zur Verfügung. red