Sollte man Hitlers Buch "Mein Kampf" zum Nachdruck freigeben? Sofort, wie es manche Experten vorschlagen, um die Aura des Geheimnisvollen zu brechen? Oder 2014, wenn der Urheberrechtsschutz fällt, der momentan beim Freistaat Bayern liegt? Eine aktuelle, heftig geführte Diskussion - vor dem Hintergrund immer schamloserer und raffinierterer Aktivitäten der Rechten.
Wer sich ein Bild der programmatischen Inhalte machen will, kann auch einen Blick auf die Rede werfen, die Adolf Hitler am 5. Feburar 1928 in Kulmbach gehalten hat. Der Grund: Er übernimmt, manchmal sogar wörtlich, Kernaussagen aus seiner Schrift "Mein Kampf", die er Ende 1926 fertiggestellt hat.
Als Hitler seinen zweieinhalbstündigen Rede-Marathon vor über 1200 Zuhörern in der Turnhalle der Realschule (heute MGF-Gymnasium) beendet hat, " durchbrauste ungeheurer Beifall den Saal, der erst ein Ende fand, als die Musik einstimmte in das Lied Deutschland, Deutschland über alles", kann man im "Kulmbacher Tagblatt" vom 7. Februar lesen.
Unbestreitbar ist, dass der Auftritt Hitlers seine Anhänger beflügelt. Die Wirkung lässt sich auch messen: Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 erringt die Hitler-Partei in Kulmbach 24,8 Prozent der Stimmen. Damit übertrifft sie die Durchschnittszahlen Oberfrankens (10,8 Prozent) und Bayerns (6,4 Prozent) beträchtlich. Reichsweit schneidet die NSDAP aber mit 2,8 Prozent kläglich ab.
Doch als Fanatiker glaubt Hitler unbeirrt an seine Sendung. Er trommelt weiter, landauf, landab. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem Auftritt in Kulmbach hat er dann sein Ziel erreicht: Er hält die Macht in Händen.

Interview: Von Hitler kein bisschen fasziniert

Otto Kneitz - Zeitzeuge, promovierter Historiker und ehemaliger Schulleiter des MGF-Gymnasiums - nimmt im BR-Interview Stellung zum "braunen Geist" in Kulmbach.

BR: Herr Kneitz, Sie sind 1927 eingeschult worden, 1931 an die damalige Realschule, das heutige MGF-Gymnasium, gekommen. Haben Sie etwas vom "braunen Geist" gespürt?
Otto Kneitz: An der Volksschule habe ich Dergleichen nicht erlebt. Eine Ausgrenzung, gar Diskriminierung von jüdischen Mitschülern hat es nicht gegeben. Einer war in meiner Klasse: Herbert Flörsheim, ein Kumpel wie jeder andere. Die Lehrer haben auch Rücksicht darauf genommen, dass er am Samstag nach jüdischem Gesetz nicht arbeiten sollte.

Und die Lehrer an der Realschule?
Ganz unterschiedlich. Zwei Beispiele: Es gab Friedrich Michels. Er war ein feiner Kerl, ein viel gereister Geograph, weltoffen, liberal und gebildet. Und es gab den Deutschlehrer Ernst Puchtler, einen strammen Parteigenosse, später Kreisleiter in Stadtsteinach. Er wollte uns Jungs immer nur "schleifen" und "pimpfen" - deswegen sein Spitzname "Pimpf".

Haben Sie Hitler 1928 in Kulmbach erlebt?
Nein. Allerdings 1931 in Coburg, halb Kulmbach war da auf den Beinen, und auch meine Eltern hatten mich mitgenommen. Die Kundgebung hat mich allerdings ziemlich gelangweilt, und Hitler hat mich kein bisschen fasziniert.

Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Wolfgang Schoberth.