"Die Helden von Tsingtau" heißt der große Bestseller des Ersten Weltkriegs. In seinen 1916 erschienenen Erinnerungen beschreibt Gunther Plüschow seinen Einsatz als Aufklärungsflieger bei der Belagerung der deutschen Musterkolonie an der chinesischen Ostküste. Seine kamikazehafte Tollkühnheit macht ihn über Nacht zu einem nationalen Medienstar. Doch ohne einen anderen, von der Geschichte nicht Wahrgenommenen hätte er sich mit seiner "Schwalbe" niemals in den Himmel erhoben: Fritz Trendel.

Blenden wir zurück: Wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 beginnen japanische und britische Kriegsschiffe mit der Seeblockade von Tsingtau, in der 6000 Deutsche leben. Im September ziehen die Alliierten mit 60.000 Mann einen Belagerungsring um die Stadt und beginnen mit einem massiven Artillerie-Beschuss. Doch die deutsche Garnison schießt mit den wenigen Granaten präzises Abwehrfeuer.
Der Grund ist das "Auge von Tsingtau" in der Gestalt des Marineleutnants Gunther Plüschow. Mit seiner Maschine späht er die Truppenbewegungen der Alliierten aus.


Ziemlich marode

Allerdings: Fast wäre schon Stunden nach Kriegsbeginn Schluss mit der "Ein-Mann-Luftwaffe" des Kaisers gewesen. Denn Plüschow schmiert am 5. August beim Landeanflug mit seiner "Taube" auf dem winzigen Flugplatz ab. Die mitgebrachten Holz-Ersatzteile für Rumpf und Tragflächen sind vermodert, die fünf Reserve-Propeller mürbe und unbrauchbar. In der Not ruft man nach einem Mann, der über beträchtliche Fähigkeiten als Modellschreiner verfügt: Fritz Trendel. In dreitägigem Einsatz, Tag und Nacht, stellt er die notwendigen Teile her und drechselt die Hohlform für den Propeller-Guss.


Trendels Geheimnis

Das außergewöhnliche Talent Trendels bei der Modellschreinerei beobachten auch seine Arbeitskollegen in der Kulmbacher Spinnerei, als er seit 1950 als mittlerweile 75-Jähriger noch einmal antritt. Er drechselt Modelle für benötigte Maschinentei le, die in einer Bayreuther Metallgießerei gefertigt werden. Heinz Arnhold (später Maschinenführer im Turbinenhaus), Georg Vogel (Elektromeister) und Fritz Teichmann (EDV-Abteilung), die ihn in ihren jungen Jahren am Arbeitsplatz erlebt haben, erinnern sich noch heute an seine so starke wie bescheidene Persönlichkeit. Ihnen vertraut er auch an, was man das Geheimnis seines Lebens bezeichnen mag: seine Starthilfe für den Flieger von Tsingtau. Anfang November 1914 geht den eingeschlossenen Verteidigern in Tsingtau die Munition aus. Vor der Kapitulation und der Besetzung durch japanische Verbände werden die Kampfboote und schweren Waffen zerstört.

Die Geheimdokumente sollen in Sicherheit gebracht werden. Die feindliche Artillerie schießt aus allen Rohren, als Plüschow mit seiner "Taube" hochsteigt und halsbrecherisch durch die Frontlinien steuert. Doch er schafft es und kann die Papiere der Botschaft in Shanghai übergeben.