Kulmbach-Toronto und zurück. Im Internet-Zeitalter bewältigen Nachrichten diese Distanz mühelos - und fördern manchen netten Zufall zu Tage.
Zum Beispiel den: Der Ex-Kulmbacher Tom Wiedemann, der seit fünf Jahren in Toronto/Kanada lebt, wird von seinen Eltern regelmäßig mit Zeitungsausschnitten aus der Bayerischen Rundschau versorgt. In einer der letzten Sendungen mit dabei: Der Bericht über Hans Heisinger, den ehemaligen Leiter des Kulmbacher Jugendzentrums, der seit vielen Jahren in Montreal zu Hause ist.
Ob wir ihm einen Kontakt zu Heisinger herstellen könnten, fragte Wiedemann per E-Mail an. "Ich kann es kaum glauben, dass derselbe Heisi, der damals das JUZ geleitet hat, jetzt praktisch gleich um die Ecke wohnt. Ich war damals oft dort - und bin ihm dankbar für den Job, den er als Sozialarbeiter geleistet hat."
Zwar ist "gleich um die Ecke" etwas weit gegriffen - es handelt sich um immerhin 550 Kilometer. "Aber das ist für kanadische Verhältnisse ein Katzensprung."
Zufall Nummer zwei: Tom Wiedemann ist mittlerweile selbst Sozialarbeiter, hat in Fulda Sozialwesen studiert und dann in Frankfurt gearbeitet. Seiner damaligen Freundin Julia, die Amerikanistik studierte, wollte er - zunächst für begrenzte Zeit - nach Nordamerika folgen. "Meine Vorstellung von Kanada war damals ziemlich naiv - Wildnis, Berge, Wälder, Bären und Blockhütten."
Aber das Kanada, das er zunächst kennen lernte, war vor allem eines: Sehr bürokratisch. Weil Tom Wiedemann nicht nur an irgendeinem Austauschprogramm teilnehmen, sondern "richtig" einwandern wollte, musste er viel Papierkrieg in Kauf nehmen. Drei Jahre dauerte es, bis er dann vor fünf Jahren, kurz vor seinem 36. Geburtstag, sein Einwanderungsvisum erhielt.
Die Beziehung zu seiner Freundin war damals bereits zu Ende. "Aber ich entschied, es trotzdem durchzuziehen", erinnert sich der Ex-Kulmbacher. In einem Rucksack und einem Trolley steckte seine ganze Habe, als der Kulmbacher auf dem Pearson Airport in Toronto ankam.
Schwieriger als gedacht sei es gewesen, in Kanada Fuß zu fassen, erinnert er sich. Die Stellensuche gestaltete sich problematisch. "Ich musste feststellen, dass meine gute deutsche Ausbildung hier kaum etwas wert ist und ich statt dessen nach 'canadian experience" gefragt wurde."
Ein Jahr lang transportierte Tom Wiedemann als Lastwagenfahrer für die Heilsarmee Möbel, erhielt dafür kaum mehr als den Mindestlohn. Ein Zusatzstudium öffnete ihm dann den Weg in den ersten richtigen Job: Zwei Jahre lang betreute er psychisch kranke Menschen. Mittlerweile ist Tom Wiedeman Fallmanager in einem Antragszentrum für Sozialhilfe der Stadt Toronto.
"Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass ich Deutschland unter anderem deshalb verlassen habe, weil ich es unheimlich bürokratisch und viel zu dicht bevölkert fand", sagt Wiedemann. "Jetzt lebe ich in der am dichtesten besiedelten Gegend Kanadas und arbeite in der Stadtverwaltung!"
Nach fünf Jahren hat der Auswanderer nicht nur beruflich Fuß gefasst. Auch privat hat sich, so erzählt er, alles bestens entwickelt:
Seit vier Jahren lebt er mit seiner Verlobten Melanie zusammen, die von den Philippinen nach Kanada eingewandert ist. Seit einem halben Jahr besitzt das Paar ein gemeinsames Haus; die Hochzeit ist fürs nächste Jahr geplant.
Heimweh? Das gibt's ab und zu schon. Auch hin und wieder Sehnsucht nach "Brodwärschtla oder Cappuccino mit am Hörnla vom Schoberth". Zum Glück gibt es für solche Sehnsucht-Anfälle den deutschen Stammtisch, die Bundesliga per Internet-TV - und die Nachrichtenpakete aus dem Elternhaus.